Horst Wagner
Die zweite Ohrfeige
Im Jahr 1943 mehrten sich
die nächtlichen Bombenangriffe. auf Berlin. Meine Schule wurde geschlossen.
Dort wurden Notunterkünfte eingerichtet, Privatunterricht war verboten.
Wir hatten uns einige Male bei unserem Klassenlehrer getroffen, um noch einiges
aus den Büchern zu lernen, bis er angezeigt wurde und auch das vorbei war.
In unserem Stadtbezirk Reinickendorf war es bisher relativ ruhig gewesen. Unser
Nachbar blieb meist an der Haustür stehen und beobachtete, wie die Brände
in der Stadtmitte den Himmel leuchtend rot färbten.
An einem Novembertag im Jahr 1943 fielen auch in unserer Nähe Bomben. Ein
Teil unserer Fenster ging dabei zu Bruch. Meinem Vater gelang es, mit Hilfe
von Brettern und Pappe die Fenster dicht zu bekommen. Ein paar Tage später
war wieder alles verglast, bis auf die Balkontür.
Acht Tage nach meinem achten Geburtstag ging ich mit meinem Vater in die Glaserei,
und wir holten die fertige Balkontür ab. Nachdem sie eingehängt war,
gab es Bratkartoffeln zum Abendbrot. Es war 19 Uhr.
Um 21 Uhr gab es Fliegeralarm. Der Ablauf war wie jeden Abend: Koffer –
Keller – Tür zu. Der Nachbar blieb wie immer draußen. Er kam
dann kurz herein und meldete uns, daß es wohl wieder die Innenstadt erwischt
hatte. Dann ging er wieder. Eine Minute später raste er zu uns in den Keller,
warf die Eisentür hinter sich zu und verriegelte sie. Sekunden später
bebte unter Donnern das ganze Haus, ein Betonpfeiler stellte sich schräg,
überall rieselte Kalk, das Licht erlosch – dann war alles ganz still.
Jemand weinte. Die Männer versuchten, mit Handlampen etwas Licht zu machen,
und gleich darauf gab es Entwarnung. Es war 22 Uhr.
Aus dem Nachbarkeller brachen sie die Zwischenwand zu uns durch, weil ihr Ausgang
verschüttet war. Die Männer schaufelten unseren Ausgang frei, und
wir krabbelten auf allen Vieren über Steine und Scherben nach draußen.
Das Nebenhaus war verschwunden, das ehemals zweistöckige Haus bestand nur
noch aus ein paar Metern Schutt. Von außen sah unser Haus fast normal
aus. In Wirklichkeit hing das flache Hausdach einen Meter tief in unsere Wohnung
im zweiten Stock. Mein Vater fragte sich, warum er Geld für die Balkontür
ausgegeben hatte.
Bald waren wir umringt von Hitler-Jugend, Polizei und Arbeitern, die Armbinden
trugen. Alles wurde abgesperrt, und man verfrachtete uns auf einen Lastwagen,
um uns in ein Notquartier zu bringen. Ich staunte nicht schlecht, als meine
Schule immer näher kam. Schwestern vom
Roten Kreuz wiesen uns einen
Schlafsaal zu. Die Treppe rauf und dann rechts der erste Raum. Diesen Weg kannte
ich, es war mein Klassenzimmer!
Wir wurden auf die Feldbetten verteilt, und auch jetzt staunte ich nicht schlecht:
Das Bett befand sich genau an der Stelle, wo meine Schulbank gestanden hatte.
Meine Eltern brachten mich ein paar Tage später nach Brandenburg an der
Havel zu meiner Großmutter. Sie selber blieben in Berlin, mieteten sich
ein Zimmer und bargen aus den Trümmern, was noch zu retten war.
In Brandenburg war wieder Schule angesagt. Die Stadt hatte noch nicht so viel
mitmachen müssen, und so war ich als „Ausgebombter“ fast ein
Exot in der Klasse. Die Lehrer spielten das als Lappalie herunter, meinten,
daß wir alle Opfer bringen müßten, und daß unser Führer
alles daransetzen würde, um den Endsieg Deutschlands zu erreichen.
Meine Eltern waren in der Zwischenzeit nachgekommen, aber es gab nun auch in
Brandenburg zu jeder Tages- und Nachtzeit Fliegeralarm. Ein Onkel aus Thüringen
hatte uns geschrieben, wir sollten zu ihm kommen, es sei absolut ruhig, und
auf dem Land würde sowieso nicht bombardiert.
Es war Anfang 1945 und einer der letzten Schultage in Brandenburg. Unser Lehrer
wollte uns etwas von Europa erklären, fand aber die Europakarte nicht in
seinem Kartenschrank. Da ich in der ersten Reihe saß, sagte er zu mir:
„Wagner, geh mal in die 7b und laß dir die Europakarte geben!“
Ich ging los, fand die 7b, klopfte an, betrat das Klassenzimmer, ließ
meinen Spruch los und bekam eine schallende Ohrfeige. „Wie heißt
das, wenn man hereinkommt?“
„Heil Hitler!“
„Nimm dich beim nächsten Mal zusammen!“
Ich bekam die Karte und brachte sie in unser Klassenzimmer. Von der Ohrfeige
sagte ich nichts.
Zwei Wochen vor Ostern packten
wir unsere Habseligkeiten und fuhren mit der Eisenbahn nach Erfurt, wo uns der
Onkel abholen sollte. Begleitet war die Fahrt immer wieder von Angriffen der
Tiefflieger und Bombenabwürfen, die den Bahnlinien galten. Wir sahen ausgebrannte
Personenzüge, Viehwagen mit verwundeten Soldaten und Soldaten in sauberen
Uniformen, die an die Front fuhren.
In Thüringen war es tatsächlich so, als gäbe es keinen Krieg.
Selbst der Einzug der Amerikaner war lautlos und ohne Probleme vonstatten gegangen.
Deutschland kapitulierte, und alles atmete auf. Thüringen wurde dann von
den Amerikanern wieder aufgegeben und von den Russen besetzt.
Irgendwann im gleichen Jahr begann die Schule wieder, zu unser aller Leidwesen.
Die alten Lehrer mit den Parteiabzeichen am Anzug gab es nicht mehr, statt ihrer
kamen junge Lehrer, was uns auch viel sympathischer war.
Was nun in den ersten Schultagen geschah, ist weder erfunden noch übertrieben:
Es war nämlich wieder die Europakarte, die fehlte, und ich war bestimmt,
die Karte aus dem Nachbarklassenzimmer zu holen. Ich ging los, fand die Tür,
klopfte an, betrat das Klassenzimmer, riß meinen rechten Arm hoch und
brüllte „Heil Hitler!“
Und wieder bekam ich eine schallende Ohrfeige.
„Die Zeiten sind für alle Ewigkeiten vorbei. Merke dir das!“ Ich bekam die Karte und brachte sie in unser Klassenzimmer. Von der Ohrfeige sagte ich auch diesmal nichts.
Aus: „Gebrannte Kinder“, Reihe ZEITGUT, Band 1.