Udo Wanke-Kreh
Meine schönste Lernmotivation
Die Grundschule ging Mitte
der fünfziger Jahre in der DDR von der ersten bis zur achten Klasse. Danach
entschied es sich, ob man eine Lehre begann oder die Leistungen für die
Mittelschule mit zehn Klassen oder für die Erweiterte Oberschule mit zwölf
Klassen und Abiturabschluß ausreichten. Jungen und Mädchen wurden
weitgehend in gemischten Klassen unterrichtet. In meiner Grundschulklasse in
Berlin waren 15 Jungen und 19 Mädchen.
Rückblickend wäre ich in Dessau in der 5. Klasse garantiert sitzengeblieben.
Meine Chance, versetzt zu werden, tendierte gegen Null. Nach unserem Umzug nach
Berlin war mir das Glück gleich doppelt hold. Als Neuzugang bekam ich die
übliche Schonzeit, und zusätzlich begegnete mir, dem elfjährigen
Schüler, die schönste aller Lernmotivationen: Sie hieß Fräulein
Ludwig und war unsere Klassenlehrerin. Ein Blick, und ich verliebte mich unsterblich
in sie. Allerdings war ich nicht der Einzige. Vom Abc-Schützen bis zum
Schüler der 8. Klasse, vom Hausmeister bis zum Direktor, allen war sie
ein stiller Traum mit blauschwarzem Bubikopf.
Ihre großen, dunklen Samtaugen glühten in verhaltener Leidenschaft,
verheißungsvoll, wie mir schien, und ihr Teint war von hellbraun getönter,
natürlicher Reinheit. Ihre ebenmäßigen Gesichtszüge und
ihr zauberhaftes Profil wirkten nicht langweilig und dümmlich wie bei mancher
Filmschauspielerin, sondern interessant, intelligent, lebendig und ausdrucksvoll.
Sie war schlank, jedoch keineswegs dünn. Die zauberhaften Proportionen
ihres Körpers kamen durch enganliegende, hoch geschlossene, glänzende
Kleider, die sie gern trug, herrlich zur Geltung. Die Kleider reichten leider
züchtig bis über die Knie.
Ihre klare, engelhafte Stimme mit dem ihr eigenen Timbre war die reinste Beglückung.
Wenn sie mich aufrief, empfand ich das als Auszeichnung, das Herz klopfte mir
bis zum Hals, ich wurde rot und stumm, bis sich die Spannung löste und
ich schmachtend die Antwort säuselte.
Am Spätnachmittag und Abend traf ich viele Schulkameraden, die alle, rein
zufällig, gerade in der Straße flanierten, wo sie wohnte, und verstohlen,
voller Sehnsucht, zu ihrem Fenster aufschauten.
Ein schwerer Schock traf mich, als ich herausfand, daß sie einen Freund
mit Motorroller hatte. Doch meine Liebe war zu erhaben, um ihr diesen Fehltritt
nicht zu verzeihen. In den Schulpausen umringten wir unser Herzensfräulein,
fein gestaffelt nach Hackordnung. Detlef hatte immer den besten Platz, ganz
nah bei ihr. Er war zweimal sitzengeblieben und der Klassenstärkste. Wie
habe ich ihn beneidet, doch gegen ihn hatte ich keine Chance.
Ein Alter hatte Fräulein Ludwig für uns nicht, sie war einfach zeitlos
schön und begehrenswert. Wer die Liebe kennt, wird verstehen, daß
Fräulein Ludwig für mich die schönste aller Lernmotivationen
war. Ich sagte mir, von einem Dummkopf will sie bestimmt nichts wissen. Mein
Notendurchschnitt verbesserte sich in der 6. Klasse von 3,5 auf 2,5 und wäre
ohne Russisch noch besser ausgefallen. Russischunterricht gab es ab der 5. Klasse.
Bedingt durch die politische Situation in Berlin, war Russisch für die
meisten Schüler ein Unfach. Alles, was in Ost-Berlin im Vergleich mit West-Berlin
schlecht abschnitt, wurde den Russen in die
Schuhe geschoben. „Das
haben uns die Russen eingebrockt“, war eine gängige Redensart. Deshalb
war es bei uns Jungen geradezu verpönt, in Russisch eine gute Note zu haben.
Ein „Befriedigend“ galt bereits als sehr peinlich, ein „Genügend“
wurde anerkannt und ein „Ungenügend“ – das war die schlechteste
Note in der DDR – hatte zwar einen hohen Imagewert, stellte aber ein unkalkulierbares
Risiko dar. Es konnte leicht zum Sitzenbleiben führen, wenn nicht alle
anderen Noten „Gut“ bis „Sehr gut“ waren. Bis zur 8.
Klasse hielt ich mich, mit Vorsagenlassen und Abschreiben, gerade so zwischen
„Genügend“ und „Ungenügend“ und schaffte im
Zeugnis ein knappes „Genügend“.
In den großen Ferien, zwischen meinem sechsten und siebten. Schuljahr,
flüchtete unser Fräulein Ludwig in den Westen. Mit ihr verschwand
meine erste und einzige Lernmotivation seit meiner Einschulung. Das Ende eines
Schuljahres war für viele DDR-Lehrer der gängige Fluchtzeitpunkt.
Sie hatten dann keine Bedenken, ihre Klassen in Stich gelassen zu haben.
In der 7. Klasse bekamen wir Frau Semrau als Klassenlehrerin. Sie hatte „Alter“,
so um die 35, und war immer sehr traurig. Kurz bevor sie wieder in den Schuldienst
getreten war, hatte sie ihren Mann verloren und trug deshalb noch lange Zeit
Schwarz. Wir mochten sie wegen ihres tragischen, melancholischen Gesichtsausdrucks
und ihres freundlichen Wesens ganz gern.
Meine neue Lernmotivation war jetzt der Wille, wenigstes die Voraussetzungen
für die Mittelschule zu schaffen. In der 8. Klasse hatten wir fast alle
einen Mittel- und Oberschulkomplex. Nun wurde Russisch fast mein Verderben.
Persönlich hatte ich gegen unseren Russischlehrer nichts. Ich mochte das
„Panjepferdchen“ sogar ganz gern. Das beruhte leider nicht auf Gegenseitigkeit.
Er konnte oder wollte nicht begreifen, daß die schlechten Leistungen in
seinem Fach von grundsätzlicher Abneigung waren und nicht gegen ihn gerichtet.
In meiner Not machte ich vor diesem Lehrer einen regelrechten Kotau und lernte
die gesamte Deklination der persönlichen Fürwörter auswendig.
Da die russische Sprache sechs Fälle hat, waren das, mit Doppelungen, immerhin
48 Vokabeln in der richtigen Reihenfolge. Dann meldete ich mich freiwillig
und schnurrte sie fehlerlos herunter.
Er sagte nur „Weiter so!“, und ich konnte mich wieder setzen. Erwartet
hatte ich ein „Sehr gut“, und zwar fein säuberlich ins Klassenbuch
eingetragen – so war es üblich. Damit hätte ich drei „Ungenügend“
kompensieren können. Obwohl er genau wußte, daß ich zur Mittelschule
wollte, knallte er mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein weiteres „Ungenügend“
ins Klassenbuch.
Für mich sah es sehr trübe aus!
Aus: Udo Wanke-Kreh, „Das erste Leben“. Erinnerungen eines Nichtangepaßten
1947–1972, Sammlung der Zeitzeugen, Zeitgut Verlag 2003.
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