Luise Rüth
Ein schlechtes Zeugnis
Vater war gerade erst krank
aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse
waren sehr bescheiden. Vater mußte neu eingekleidet werden; die schäbige
Gefangenenkleidung wollte er nicht mehr tragen. Seine alte Kleidung war zum
Teil den Bomben zum Opfer gefallen. Und wir hatten auf der Flucht nichts mitnehmen
können. Mutter meinte, sie hätte ihm sowieso nicht mehr gepaßt.
Vater war zwölf Jahre lang, mit nur kurzer Urlaubsunterbrechung zu Beginn
des Krieges, von uns fortgewesen. Hunger und Entbehrungen hatten seinen Körper
gezeichnet. Er hatte starkes Untergewicht. Als wir ihn auf dem Bahnhof abholten,
erkannten Mutter und ich ihn nicht wieder. Als junger Mann war er gegangen,
und als uralter kam er zurück. So sah er jedenfalls in meinen Augen aus.
Es machte uns sehr traurig. Ich war acht Jahre alt. Wir bemühten uns, alles
zu tun, daß Vater immer satt wurde und sich vielleicht wieder wohl fühlte.
Daher mußten wir unsere eigenen Bedürfnisse weit zurückstellen.
Nun war der Frühling in diesem Jahr sehr früh gekommen und außergewöhnlich
warm. Es schien, als wollte uns die Natur für die Entbehrungen der zurückliegenden
Jahre entschädigen. Meine Winterschuhe, klobige Lederschnürschuhe,
einige Nummern zu groß, was mit dicken selbstgestrickten Socken ausgeglichen
wurde, waren jetzt einfach zu warm.
Mutter holte meine Sandalen aus dem vergangen Jahr vom Speicher. Schon im letzten
Jahr waren sie mir etwas zu klein gewesen. Beim Anprobieren stellten wir mit
Entsetzen fest, daß meine Zehen bestimmt zwei Zentimeter über die
Schuhe hinausragten. Was tun?
Barfuß konnte ich nicht zur Schule gehen. Wir wohnten in der Stadt, und
vielen Leuten ging es damals schon wieder recht gut.
Mit diesen Sandalen war ich am ersten Schultag dem Gespött meiner Klassenkameraden
ausgeliefert. Sie liefen johlend hinter mir her und lachten mich aus.
Ich war traurig, aber noch mehr wütend, und schämte mich. Die Tränen
liefen mir über die Wangen, ein ganz schlimmer Jähzorn erfaßte
mich. Ich zog die Sandalen aus und schlug damit wild um mich. Dabei traf ich
eine Schulkameradin am Kopf. Sie trug eine Platzwunde davon, die heftig blutete.
Zu Tode erschrocken lief ich nach Hause.
Am nächsten Tag wurde ich mit Mutter zur Lehrerin bestellt. Mutter wußte
Bescheid. Ich hatte ihr abends alles erzählt, weil mich das schlechte Gewissen
nicht einschlafen ließ.
Die Lehrerin machte mir heftige Vorwürfe und drohte mit Strafe. Warum es
überhaupt zu diesem Vorfall gekommen war, wollte sie gar nicht wissen.
Darüber empört, begann Mutter, mich zu trösten.
Zu meinem großen Pech war die verletzte Mitschülerin der Liebling
der Lehrerin. Die Eltern des Mädchens hatten nämlich ein Lebensmittelgeschäft,
und jeden Tag fiel etwas für die Lehrerin ab:
mal etwas Wurst, mal etwas Schokolade
oder Kaffee. In diesen Zeiten mußte man eine solche Beziehung pflegen,
das wußte die Lehrerin. Und so legte sie keinen Wert darauf, meine Begründungen
zu hören. Ich hatte keine Chance.
Mutter suchte sich eine Putzstelle. Von ihrem ersten Geld bekam ich neue Sandalen,
zwei Nummern zu groß, damit sie noch im kommenden Sommer paßten.
Mein nächstes Zeugnis war auffallend schlecht, und mit dem Vermerk versehen:
„Luise ist bösartig und stört ständig ihre Mitschülerinnen“.
Mutter meinte nur, es kämen auch wieder andere Zeiten, und dann würde
auch mein Zeugnis wieder besser. Es blieb das schlechteste Zeugnis meiner ganzen
Schulzeit.
Aus: „Nachkriegs-Kinder“, Reihe ZEITGUT, Band 2.