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Wilhelm Schäfer

„Ja, die passen doch“

Mein Vater war Kleinbauer und Weingärtner, wie es in den Dörfern im schwäbischen Unterland viele gab. Die Landwirtschaft ernährte die Familie mehr schlecht als recht, deshalb gingen Vater und die anderen Kleinbauern in den Wintermonaten zum Holzfällen in den Gemeindewald. Als die Massenarbeitslosigkeit um sich griff, durften nur noch die Arbeitslosen der Gemeinde den Holzeinschlag durchführen. So kamen die kleinen Bauern um ihren Nebenverdienst. Sie hatten wohl ihre Grundnahrungsmittel, aber oft keinen Pfennig Bares im Haus.

An einem Novembertag, ich war zwölf Jahre alt, ging der Lehrer mit uns Buben zum Sport. Wir liefen von der Schule durch die engen Dorfgassen hinunter zum kleinen Sportplatz am Bach. Die Gassen waren nur mit Steinen eingeschottert, und in den Löchern stand das Regenwasser in kleinen und großen Pfützen. Ich hatte Sandalen an, da ich keine anderen Schuhe besaß. Damit meine Strümpfe nicht naß wurden, hüpfte ich immer über die Pfützen. Als der Lehrer sah, daß ich zu dieser Jahreszeit noch Sandalen trug, meinte er: „Sage deinem Vater, er soll dir ein Paar gute Schuhe kaufen.“
Daheim, beim Mittagessen, berichtete ich meinem Vater davon. Er erwiderte nichts, wurde aber nachdenklich. Nach dem Mittagessen sagte er zu mir: „Komm, wir gehen zum Schuhmacher.“ Mutter holte den Geldbeutel und gab Vater zögernd einen Zehnmarkschein. Das war damals sehr viel Geld. Ein Arbeiter verdiente 50 Pfennige in der Stunde. Ich ahnte, daß es das letzte Geld sein könnte, das meine Eltern im Haus hatten. In der Werkstatt des Dorfschuhmachers wurden mir dann schwarze Schnürschuhe anprobiert.
„Sie kosten zehn Mark“, sprach der Schuhmacher. Er kniete sich hin und drückte mit dem Daumen auf die Schuhe an meinen Füßen. „Ein bißchen eng“, bemerkte er, und ich spürte es auch. Aus einem Regal holte er dann ein Paar Schuhe, das eine Nummer größer war. „Die kosten elf Mark.“
Mein Vater, der neben mir stand, hielt noch immer das erste Paar in der Hand. Während der Schuhmacher mir die größeren Schuhe anprobierte, drückte und bog Vater die anderen hin und her, als wollte er sie etwas größer machen. Ich wußte, daß er die Elfmarkschuhe nicht kaufen konnte.
Vater entschied schließlich: „Wir wollen doch noch einmal die ersten Schuhe anprobieren.“
Ich schlüpfte also wieder hinein und zog diesmal meine Zehen zurück. Als der Schuhmacher erneut auf die Spitzen drückte, stellte er fest: „Ja, die passen doch.“

Stolz ging ich in den nächsten Tagen mit meinen neuen Schuhen, wenn sie auch etwas zu eng waren, zur Schule. Zu dieser Zeit ging mein Vater täglich hinaus zu unserem Baumstück. Dort grub er mit dem Spaten die Wiese um, damit er im Frühjahr ein weiteres Stück Ackerland hatte.

„Du kannst mir helfen!“ sagte Vater nach der Schule zu mir. Ich ging mit ihm zur Baumwiese. Mit meinen neuen Schuhen stieß ich den Spaten leicht in die Erde. Die Zeit verging schnell. Als die Dorfglocke vier Uhr läutete, verspürte ich auf einmal an meinem rechten Fuß Schmerzen. Es war der Fuß, mit dem ich den Spaten in die Erde gedrückt hatte. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, ich hätte aufschreien können, doch ich biß die Zähne zusammen. Da meine Eltern für diese Schuhe ihr letztes Geld ausgegeben hatten, wollte ich mich nicht noch darüber beklagen. Auf dem Heimweg hinkte ich mühsam hinter meinem Vater her. Zu Hause, im Wohnzimmer, ratterte Mutters Nähmaschine. Vater ging in den Kuhstall, um das Vieh zu füttern.
Endlich allein, konnte ich in der Küche meine Schuhe ausziehen und mir die Bescherung ansehen. Der zu enge Schuh hatte mir auf dem Fußrücken die Haut aufgescheuert, so daß das blanke Fleisch zu sehen war. Im Zorn griff ich nach einem spitzen Küchenmesser und stieß es dort, wo das Leder gescheuert hatte, in den Schuh. Ich machte einen etwa drei Zentimeter langen Schnitt. Die Spalte klaffte weit auseinander wie die aufgesprungene Schale einer reifen Kastanie. Erleichtert dachte ich: „Der verdammte Schuh kann jetzt nicht mehr drücken!“
Da ich meine Schuhe selbst putzte, erfuhren meine Eltern nie von der Angelegenheit. Wenn Mutter im Winter fragte, warum mein rechter Strumpf oft so naß sei, gab ich einfach keine Antwort.



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