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Gut Hammelspring bei Templin, Uckermark; 1912 – 1919]


Ursula Löbner

Gut Hammelspring – mein Elternhaus

Das Gut Hammelspring im uckermärkischen Kreis Templin war unser Zuhause. Nachdem Vater und Mutter im Oktober 1906 geheiratet hatten, wurden in den folgenden vier Jahren Jula, ich und darauf Irmgard geboren. Unsere jüngste Schwester Brigitte erblickte als Nachzügler 1920 das Licht der Welt.
Das Gut war – einschließlich Pachtland – 800 Morgen (200 Hektar) groß: Felder, Wiesen und Wald. Die südliche Uckermark ist Endmoränengebiet, die Landschaft geprägt von Seen und Kiefernwäldern. Eigene Jagd und Fischerei auf einem Kanal, der zwei Seen verbindet, und ein Segelboot waren für meinen Vater Erholung und Freude. Der Kanal bildete die Grenze zwischen dem Gut und der staatlichen Forst, der Schorfheide.
Unser Gutshof war recht geräumig und sehr zweckmäßig aufgeteilt. Zur Straße hin standen das Wohnhaus, das Wirtschaftsgebäude und der Giebel des Schafstalles. Sechs Stufen einer steinernen Treppe führten vom Hof in den Hausflur. Gleich rechts war die Toilette – natürlich noch ohne Wasserspülung. Mit einer Kanne Wasser wurde nachgespült. Die nächste Tür führte in die Küche. Von dort aus gelangte man in die Speise- und in die Vorratskammer.
Wir Kinder hatten in der Küche nichts zu suchen. Unsere Eltern wollten wohl nicht, daß wir durch die Dienstmädchen Dorfklatsch erfuhren. Die Dienstmädchen ihrerseits hatten es auch nicht gerne, wenn wir in der Küche herumstanden.

Der Haushalt und das Personal
Bei den Hauptmahlzeiten im großen Eßzimmer saßen immer der Inspektor und das „Wirtschaftsfräulein“ mit am Tisch. Sie hatten den sogenannten Familienanschluß. Der Inspektor, ein gelernter Landwirt, war auf unserem Gut als Aufseher tätig. Die ausgebildete Wirtschafterin, bei uns zuständig für das Kochen, Backen, Einwecken und die Geflügelzucht, hieß auch bei den Dorfbewohnern nur „Fräulein“. Ihren Namen kannten wohl nur meine Eltern. Bei Tisch durften wir Kinder nur etwas äußern, wenn wir gefragt wurden. Das Gespräch fand meistens zwischen meinem Vater und dem Inspektor statt; fast immer ging es um die Landwirtschaft. Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal wegen einer altklug erscheinenden Bemerkung zum Tod eines Tbc-kranken Mädchens zurechtgewiesen wurde und mich vor dem Inspektor sehr schämte.

Im Haushalt waren außerdem das Stuben- und das Küchenmädchen beschäftigt. Sie bekamen die gleiche Kost wie die Familie, aßen aber in der Küche. Ihre Schnitten wurden ihnen vom „Fräulein“ bestrichen und belegt.
Das Stubenmädchen mußte alle Zimmer im Wohnhaus sauberhalten, die Betten machen, das Waschgeschirr säubern und mit frischem Wasser füllen. Wasserleitungen bzw. fließendes Wasser hatten wir noch nicht. In der Küche gab es eine einfache Handpumpe mit Ausguß. In den Schlafzimmern befand sich jeweils eine Waschkommode mit einer Marmorplatte darauf. Auf ihr standen zwei große, hübsch geformte Keramik-Waschschüsseln, zwei Wasserkrüge, ebenfalls aus Keramik, Karaffen für Zahnputzwasser und Wassergläser. Zweimal in der Woche wurden die Wasserkaraffen mit Würfeln aus rohen Kartoffeln gefüllt, damit geschüttelt und mit Wasser nachgespült, damit das Glas klar blieb.

Ab Herbst mußte das Stubenmädchen morgens das Herrenzimmer, das Eßzimmer und das Büro heizen. Die Schlafzimmer wurden nur bei sehr großer Kälte nachmittags beheizt. In allen Räumen standen hohe Kachelöfen. Sie reichten beinahe bis an die Decke. Weil der Wald durchforstet werden mußte, heizte man hauptsächlich mit Holz. Sobald es durchgebrannt war und alles glühte, mußten die Ofentüren fest zugeschraubt werden. Die gut erhitzten Kacheln hielten die Temperatur im Zimmer bis zum nächsten Morgen. Auch das Decken und Abdecken des Eßtisches und das Abtrocknen des Geschirrs war Aufgabe des Stubenmädchens. Wenn beim Essen irgend etwas auf dem Tisch fehlte, wurde es durch ein Klingelzeichen herbeigerufen.
Das Küchenmädchen stand schon um 5 Uhr auf und heizte den Küchenherd an, damit um 5.30 Uhr das Kaffeewasser kochte. Um 5.40 Uhr brachte es dem Inspektor und dem Gärtner den Kaffee auf ihre Zimmer im Wirtschaftsgebäude. Das Tablett mit Schnitten, Kaffeemilch und Zucker machte das „Fräulein“ zurecht. Um 6 Uhr tranken beide Mädchen in der Küche Kaffee. Dann holte sich das Küchenmädchen die Schuhe, die vor den Schlafzimmern ordentlich aufgestellt waren, zum Putzen. Später säuberte es die Zimmer des Inspektors und des Gärtners. Einmal in der Woche mußte es den Hühner- und den Gänsestall ausmisten.
Für das Mittagessen wurden beinahe täglich Kartoffeln geschält. Um 12 Uhr brachte das Küchenmädchen dem Gärtner das Essen aufs Zimmer. Nach dem Abwasch wischte es den gefliesten Fußboden in der Küche und im Hausflur. Am Nachmittag, wenn die Küche aufgeräumt war, richtete sich die Arbeit der beiden Mädchen nach der Jahreszeit. Vom späten Frühjahr bis zum Herbst wurde im Garten Gemüse und Obst geerntet, das anschließend eingeweckt oder in Konservendosen eingemacht wurde. Bei den Vorbereitungen dazu, also beim Spargelschälen, Möhrenputzen, Auspalen der Erbsen, Abbeeren der Johannisbeeren, beim Entsteinen der Kirschen und ähnlichen Arbeiten halfen alle im Haus mit.

Nach Weihnachten wurden in einem Raum im Wohnhaus Gänsefedern „geschlissen“, die Federn von den Kielen getrennt. Dabei sangen die Mädchen die beliebtesten Schlager jener Zeit, wie „Puppchen, du bist mein Augenstern“, „Schlaf, Püppchen Liese“, „Auf der grünen Wiese“ oder „Max, du hast das Schieben raus, Schieben raus ...“ Die Daunen oder Flaumfedern waren schon beim Rupfen der Gänse ausgesondert worden. Sie wurden besonders sorgfältig aufbewahrt, denn sie sollten später für die Oberbetten der Töchter des Hauses verwendet werden, wenn diese heirateten.
Gegen 15 Uhr trank man Kaffee, die Familie im Eßzimmer, die Mädchen in der Küche. Das Abendbrot gab es pünktlich wie alle anderen Mahlzeiten, und zwar um 19 Uhr. Die Mädchen aßen abends gern warm. So bereiteten sie sich oft selbst etwas zu. Nach dem Abwaschen, Abtrocknen und Einräumen des Geschirrs war der Tagesablauf für sie beendet.

Die Vorräte in einem Gutshaushalt mußten unter Verschluß gehalten werden. Allen gegenüber hatte man die Verantwortung, sie so einzuteilen, daß sie ein Jahr lang reichten. Das „Fräulein“ verfügte über die Schlüssel zur Speise- und zur Vorratskammer. In der Speisekammer standen die Vorräte, die man täglich benötigte. Kühl- und Eisschränke gab es noch nicht. Verderbliche Sachen wurden in den Keller gebracht, wo es sehr kühl war. Dort lagerten in einem anderen Raum Kartoffeln, Möhren, verschiedene Kohlsorten, rote Bete, Sellerie und Porree. In der Vorratskammer befanden sich auf einem stabilen Regal die vielen Blechdosen und Weckgläser mit Obst und Gemüse. Steintöpfe mit Pflaumenmus, Bienenhonig, Schweineschmalz, Preiselbeeren, sauren Gurken und Sauerkraut standen auf dem Fußboden. An der Decke war eine Aufhängevorrichtung für Dauerwurst, Schinken und Speckseiten angebracht. Außer dem Kochen und Einwecken hatte das „Fräulein“ die Aufzucht des Geflügels und die Legetätigkeit der Hühner zu überwachen. Das Füttern des Geflügels erledigte das Küchenmädchen. Beim Schweineschlachten mußten alle, die im Haushalt tätig waren, unter der Aufsicht des Hausschlächters helfen.
Die täglich anfallende Kuhmilch brachte der „Schweizer“*) durchgeseiht in den Kühlraum im Wirtschaftsgebäude. Die Milch, die nach Berlin an „Bolle“**) geliefert wurde, mußte erst über den Kühler laufen, durch dessen Röhren eiskaltes Wasser strömte. Die Milchkannen wurden nochmals sauber ausgewaschen, dann gefüllt und zum Versand mit Frachtbrief fertiggemacht. Der „Schweizer“ fuhr sie mit dem Pony abends um 18 Uhr zum Zug in Richtung Berlin. Auf dem Bahnhof in Löwenberg mußten die Kannen noch einmal umgeladen werden. Ein Teil der Milch, die nicht nach Berlin ging, wurde zentrifugiert. Mit Hilfe der Milchschleuder trennte man dabei Rahm und Magermilch voneinander. Dann konnte gebuttert werden: aus dem Rahm gewann man im Butterfaß die Butter für den eigenen Haushalt, wobei als Rückstand Buttermilch anfiel. Abends holten sich die auf dem Gut beschäftigten „Leute“ ihre Deputatmilch.
Wenn bei uns zu Hause einmal ein Arzt benötigt wurde, holte ihn der Kutscher ab. Nachdem der Kranke behandelt war, blieb der Doktor noch zum Kaffee oder zum Abendbrot. Mit dem Zug fuhr er dann wieder heim. Werktags kostete ein Arztbesuch im Hause fünf Mark, sonntags acht Mark. Die Pflege der Kranken im Dorf übernahm eine Diakonisse, die drei Dörfer zu betreuen hatte. Die Organisation dafür lag beim Vaterländischen Frauenverein. Mein Vater brachte uns Kindern bei, daß wir jede Krankenschwester zu grüßen hätten, denn ihre Arbeit und Opferbereitschaft gelte den Schwachen und alten Menschen. Das ist so in mir verankert, daß ich heute noch jede Krankenschwester grüße.

Kriegsausbruch und Schulbeginn
Sechs Wochen war ich von allen und allem in einem Fremdenzimmer abgesperrt. Es war kurz vor meiner Einschulung, ich war knapp sechs Jahre alt und hatte Scharlach. Als ich bei schönem Wetter das erste Mal aus dem Zimmer in den Vorgarten durfte, fuhr ich meine Puppen im Puppenwagen spazieren. Anscheinend hatten alle noch vor einer Ansteckung Angst; ich merkte, daß sie mir aus dem Weg gingen. Während der Krankheit hatte ich das Alleinsein nicht so stark empfunden. Plötzlich läuteten alle drei Glocken vom Kirchturm unserer wunderschönen Dorfkirche. Das war nur Samstag abend und Sonntag früh zum Gottesdienst üblich. Etwas Besonderes mußte passiert sein.
Der Krieg war ausgebrochen. Mein Vater war nach Berlin gefahren, um die Proklamation des Kaisers direkt mitzuerleben. Irgendwie berührte mich der Aufruf. Nachmittags kamen grölende junge Leute in guten Anzügen und mit Strohhüten, um die sie lange Bänder gewunden hatten, von der Musterung im Gasthof. Sicher war ihnen Alkohol spendiert worden, um sie zu erheitern.
Nach überstandener Krankheit empfahl der Arzt, daß ich zunächst die Dorfschule besuchen sollte. Der weite Schulweg nach Templin wäre bei Wind und Wetter zu anstrengend. Das Schulhaus in Hammelspring war klein. Die eine Hälfte des Hauses bewohnte der Lehrer mit seiner Familie, die andere bestand aus einem großen Schulraum. Die ältesten Schüler hatten von 6 bis 10 Uhr Unterricht, die nächsten von 8 bis 12 Uhr und die kleinsten von 10 bis 12 Uhr. Eine lange Schulbank reichte immer für einen Jahrgang aus. Täglich mußten wir ein Diktat schreiben, anschließend wurden die Schüler nach ihren Fehlern neu gesetzt.
Der Lehrer, Herr Jäger, war damals etwa 40 Jahre alt. Er sah sehr gut aus und trug auch wochentags immer Schlips und Kragen. Auf dem Lande war das selten. Er achtete auch darauf, daß die Schüler sauber zum Unterricht kamen. Manchmal mußten sie aus ihren Bänken heraustreten und ihre Hände und Holzpantoffeln zeigen. Das Leder, das den Vorderfuß bedeckte, sollte blank geputzt sein. War etwas nicht in Ordnung, wurde der Schüler verpflichtet, es am nächsten Tag erneut vorzuführen. Herr Jäger war streng, aber gerecht. Er behandelte alle Kinder gleich. Wenn ein Junge nicht folgen wollte oder faul war, bekam er auch mal einen Hieb mit dem Rohrstock. Die unfolgsamen Mädchen mußten Strafarbeiten anfertigen. Der Lehrer war im Dorf sehr beliebt. Er war Organist und leitete den Gesangverein.
Ich bin gern in die Dorfschule gegangen, aber ich gewöhnte mich auch in Templin in der Vorschule fürs Lyzeum schnell ein. In dieser Vorschule, die aus der 10., 9. und 8. Klasse bestand, wurden Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Unsere Dorfschule war sicher sehr gut, denn ich kam nicht erst in die 10., sondern wurde sogleich in die 9. Klasse aufgenommen. Schon in der Vorschule mußten meine Eltern Schulgeld bezahlen. Für die Templiner betrug es monatlich 10 Mark, für Auswärtige 12 Mark. Die Bürgerschule, wie man die Volksschule nannte, war schulgeldfrei. Ab der 7. Klasse gingen wir Mädchen aufs Lyzeum*), die Jungen kamen in die Sexta aufs Gymnasium. Als erste Fremdsprache lernten wir von Beginn an Französisch, in der 4. Klasse kam Englisch hinzu.

Zur Schule mit dem Ponywagen
Der Bahnhof in Hammelspring war nahe am Gutshaus gelegen, der Weg quer durch den Garten führte dorthin. Mit dem Zug fuhr man bis Templin nur zehn Minuten, und die Fahrt kostete pro Kind ganze 10 Pfennige. Die Bahn zu benutzen wäre also viel preisgünstiger gewesen, als für die Schulfahrten ein Pony zu halten, aber die Züge verkehrten leider nicht zur passenden Zeit. Also fuhren Julchen, Irmgard und ich mit dem offenen Ponywagen zur Schule – im Sommer normalerweise allein, ohne Kutscher.
Pünktlich um 6 Uhr wurden wir Schwestern vom Hausmädchen geweckt. Es stellte uns zum Zähneputzen warmes Wasser auf den Waschtisch, manchmal, wenn es sehr kalt war, auch zum Waschen. Im Eßzimmer war für uns gedeckt. Oft gossen wir uns, wenn niemand sonst anwesend war, etwas Kaffee in die Tassen, damit es so aussah, als hätten wir gefrühstückt. Viel Zeit dazu blieb uns häufig nicht. Um Punkt 7 Uhr mußten wir uns auf den Schulweg machen. Der Ponywagen stand schon fahrbereit auf dem Hof. Ein alter Mann betreute das Pony, spannte es an und mittags wieder aus.
Um diese Zeit arbeiteten alle anderen Bediensteten des Gutes schon auf den Feldern. Mit dem Ponywagen brauchten wir für die acht Kilometer nach Templin vierzig Minuten, wobei wir auch Steigungen zu überwinden hatten und das Pony dort nur Schritt gehen konnte. Sobald wir das Dorf verlassen hatten, holten wir unsere Frühstücksbrote hervor, die eigentlich für die Pausen gedacht waren. Nun, an der frischen Luft, hatten wir Hunger. Jede von uns hatte ihre gekennzeichnete kleine Ledertasche, die man sich mit einem längeren, schmalen Riemen um den Hals hängen konnte.
Wir wurden nach dem Grundsatz „Pünktlichkeit ist Höflichkeit!“ erzogen. Für viele Bewohner der etwa einen Kilometer langen Bahnhofstraße in Templin, die zu unserem Schulweg gehörte, waren wir wie eine Uhr. Wenn sie Familie Abels Ponywagen hörten, war es Zeit, zur Schule oder ins Büro aufzubrechen. Einem Fahrzeug begegneten wir auf dem Schulweg selten. Autos gab es hier zunächst kaum.
Am Templiner Marktplatz angekommen, fuhren wir in den Hof eines Hotels mit „Ausspannung“ und riefen laut: „Friedrich!“ Alle Kutscher in der Gegend wurden „Friedrich“ genannt. Ihre richtigen Namen kannten nur wenige. Auf unseren Ruf erschien „Friedrich“, ein Bediensteter des Hotels, und spannte unser Pony aus. Unsere Decken und sonstigen Sachen nahm er zur Aufbewahrung mit in die Kutscherstube. Da viele Leute mit dem Kutschwagen in die Stadt kamen, gab es bei dem Hotel viel „auszuspannen“. Alle „Friedrichs“ gingen während der Wartezeit in die Kutscherstube. Mit Kartenspielen oder Dahindösen verbrachten sie die Zeit. Wir liefen von dort etwa zehn Minuten zur Schule. Im Winter kutschierte uns unser „Friedrich“ im Landauer oder im Kremser direkt bis zum Schulhaus und holte uns mittags wieder ab. Daß er August Bohm hieß, erfuhr ich erst später.

Matrosenkleider – die große Mode
Wir drei Schwestern waren immer gleich gekleidet. Unsere Großmutter und eine Tante hatten Freude daran, für uns Mädchen Kleider zu nähen und sie zu besticken. Sie waren wirklich besonders schön und fielen auf. Wenn eine von uns in einem Geschäft in Templin einkaufte, wurde sie angesprochen: „Du bist doch eine Kleine vom Ponywagen!“
Wer auf die Idee kam, uns weiße Matrosenkleider für sonntags und blau-weiß gestreifte für die Schule zu schenken, weiß ich nicht. Matrosenanzüge bzw. -kleider waren damals, als man sich für das kaiserliche Flottenbauprogramm begeisterte, groß in Mode und das zeitgemäße Kleidungsstück für Kinder und Jugendliche. Unsere Matrosenkleider hatten lange Ärmel und waren für uns auf dem Land ganz ungeeignet. Zu den weißen Kleidern trugen wir weiße, zu den blau-weißen blaue Strohhüte. Auf das um den Hut gelegte Band war jeweils der Name eines Seehelden gestickt. Wie uniformiert kam ich mir vor! Ich glaube, unsere Eltern sahen ein, daß diese Kleidung nicht zu uns paßte. Im nächsten Jahr mußten wir sie nicht mehr tragen.
Die Dorfkinder, die zu uns zum Spielen kamen, waren immer gern gesehen. Meine Eltern wunderten sich, wie perfekt platt ich mit ihnen sprach. In der Familie schaltete ich sofort auf Hochdeutsch um. Meine Schwestern und ich machten auch gern bei einer Meute mit, die etwas Besonderes plante, kleine Streiche, beispielsweise Obst von einem Baum zu klauen oder dergleichen. Weil wir Kinder vom Gutshof uns dafür nicht zu fein waren, wurden wir auch nicht vom gemeinsamen Spiel der Dorfkinder ausgeschlossen. Es ging uns nicht um die drei oder vier Pflaumen; das Gewagte, das Über-die-Zäune-Klettern, war das Verführerische.

Das Dorf und die „Leute“
Hammelspring ist ein Straßendorf auf der Strecke von Berlin nach Stettin, es hatte zu jener Zeit etwa 600 Einwohner. Die Wohnhäuser standen etwas entfernt von dem Verkehrsweg. Ein Dorfanger und gepflegte Vorgärten lagen dazwischen. Es gab sechs Bauernhöfe und mehrere Büdner. Die Bauern benötigten zwei große Pferde zum Bestellen und Abernten ihrer Felder. Die Büdner hatten zumeist zwei kleine Panjepferdchen. In Sachsen-Anhalt spannten Landwirte, die wie sie nur ein kleines Anwesen und wenige Felder besaßen, eine oder zwei Kühe vor ihre Ackergeräte und Wagen. In der Uckermark oder überhaupt im Norden hatten die Leute ihren Stolz: Sie wollten keine „Kuhbauern“ sein. Lieber schränkten sie sich für die Haltung der Pferdchen finanziell ein. Die Bauern hielten sich keine Magd und keinen Knecht. Alle Arbeiten wurden von Familienmitgliedern erledigt. Vier Höfe waren seit Generationen in denselben Familien. Zwei davon lagen seit ewigen Zeiten in Erbfeindschaft. Da durften auch die Kinder nicht miteinander spielen.
Wir hatten auch nur zu unseren eigenen Leuten Kontakt. Aber mein Vater war den anderen gefällig, wenn sie mal etwas Schriftliches für ein Amt aufgesetzt haben wollten oder ein Gespann benötigten, um zum Beispiel Holz abzufahren. Im Dorf gab es zwei Schmieden. Mein Vater verteilte das Pferdebeschlagen und andere Schmiedearbeiten auf beide. Der Beruf des Schmieds war sehr angesehen.
Wer kein Land besaß, arbeitete als Maurer, Land- und Waldarbeiter oder Ziegeleiarbeiter. In und um Zehdenick, etwa 10 bis 12 Kilometer von Hammelspring entfernt, gab es zahlreiche Ziegeleien. Täglich fuhren die Männer diese Strecke zu ihrem Arbeitsplatz und wieder zurück, also 20 bis 24 Kilometer – mit dem Fahrrad!
Die jungen Mädchen fingen an, als Dienstmädchen „in Stellung“ zu gehen, vor allem nach Berlin. Wenn sie nach Monaten mal auf Urlaub kamen, hatten sie sich angewöhnt, statt plattdeutsch hochdeutsch zu sprechen. Im Nu verbreitete sich das im Dorf. Sie wurden als eingebildet eingestuft: „De jebiert sich aber!“
Es gab damals in unserem Dorf wirklich Leute, die Hammelspring noch nie verlassen hatten – es sei denn, um in Templin den Arzt aufzusuchen. Die Fahrt nach Berlin – 74 Kilometer – war für sie eine „Weltreise“. Zogen sie sich sonntäglich an, so bestand das lediglich darin, eine gute, neue Schürze umzubinden. Schuhe trug man nur zur Kirche. Holzpantoffeln oder auf dem Feld Stiefel waren das normale Schuhwerk. Im Sommer liefen alle „plattbarfst“ – barfuß.
Mitten im Dorf stand unser „Leutehaus“ für drei Familien. Jede Wohnung hatte ihren eigenen Eingang, und zu jeder gehörte auf der Rückseite ein Hof, Stall und Garten. Dahinter lag – zur Nutzung durch die Bewohner – ein Kartoffelacker, der vom Gut gepflügt und angehäufelt wurde.
Die „Leute“ hielten sich pro Familie zwei Schweine und mehrere Kaninchen. Ein Schwein wurde für den Eigenbedarf geschlachtet. Für den Erlös des anderen kauften sie sich häufig Kleidung. Ihr Verdienst in barem Geld war gering. Dafür bekamen sie als Deputat Mehl und pro Ehepaar einen Liter Milch täglich. Für jeweils ein großes Kind, das auf dem Hof half, gab es einen halben Liter dazu.
In dem Haus wohnten der Hofmeister und ein Pferdeknecht mit ihren Familien. Die dritte Wohnung wurde viele Jahre für die Schnitter freigehalten, polnische Saison- und Wanderarbeiter, die alljährlich vom Frühling bis zum Spätherbst, bis die Kartoffel- und Rübenfelder abgeerntet waren, auf dem Gut Arbeit fanden. Das waren immer etwa zehn Männer und Frauen. Ein „Vorschnitter“ hatte sie zu betreuen und für Ordnung zu sorgen. Oft kam auf Wunsch derselbe Vorschnitter mehrere Jahre hintereinander. Das war sehr günstig, weil er dann die Verhältnisse und die Leute auf dem Hof bereits kannte. Er stellte sich seine Mannschaft in Polen selbst zusammen. Eine Schnitterin blieb während der Arbeitszeit vormittags stets zu Hause. Sie bekochte alle und hielt die Wohnung in Ordnung.
Wenn das Korn reif war, ging mein Vater, einem alten Brauch folgend, mit unserer Mutter und uns drei Kindern morgens um 9 Uhr auf das Feld, das angemäht werden sollte. Das machte der Vorschnitter mit einer Sense. Dann kam eine Schnitterin auf uns zu mit schönen farbigen Bändern, die sie zu Schleifen gebunden und mit Kornähren hübsch besteckt hatte. Jedem von uns heftete sie eine Schleife an die linke Schulter. Die Bänder hingen lang herunter. Die Schnitter nannten dieses Ritual „Anbinden“. Vater mußte uns sodann mit einem Geldschein „freikaufen“. Fein geschmückt zogen wir Kinder heim. In unserem Zimmer hängten wir die Schleifen an einem kleinen Haken auf.
Die Erntekrone, die mit der letzten Getreidefuhre auf den Hof kam, überreichte die Vorschnitterin stets mit einem Gedicht und guten Wünschen für die Herrschaft. Der Dank dafür war ein Faß Bier. Die Krone wurde ein Jahr lang im Büro aufgehängt.
Ein wenig entfernt von der Dorfstraße stand ein zweites „Leutehaus“, in dem zwei Familien wohnten. Die Männer arbeiteten als Pferdeknechte. Jeder war für drei Pferde zuständig, mit denen sie pflügten, eggten, Getreide und Kartoffeln einfuhren. Sie hatten die Pferde zu füttern, zu putzen und den Stall auszumisten.

Der Hofmeister
Der Hofmeister war von Beruf Stellmacher. Ein großer Raum im Wirtschaftsgebäude stand ausschließlich ihm für seine Arbeit zur Verfügung. Er war sehr geschickt, hielt die Gerätschaften und alle Ackerwagen in Ordnung. Von überall, wo es etwas zu reparieren oder neu herzustellen gab, wurde er gerufen. Der Hofmeister lebte 30 Jahre auf Gut Hammelspring und war sehr mit uns verbunden. Wenn wir Kinder zum Beispiel in den Deckel einer Zigarrenkiste Löcher eingebohrt haben wollten, um darin Maikäfer zu sammeln, war er immer bereit, unsere Wünsche zu erfüllen.
Um 4 Uhr früh begann sein Tag. Er teilte den Pferdeknechten täglich die Menge Hafer zu, die ihre Pferde bekommen sollten. Danach trat er mit einer besonders großen, vom Getreide blankpolierten Schaufel mit Körnerfutter für die Tauben auf den Hof. Es war eine Freude zu beobachten, wie die Tauben ohne Scheu auf dem freien Platz vor dem Wirtschaftsgebäude emsig die Körner aufpickten. Nach und nach flogen sie auf die Dächer der umliegenden Gebäude oder zogen sich in den Taubenschlag zurück.
Nachdem die Pferdeknechte ihre Pferde gefüttert hatten, gingen sie und der Hofmeister nochmal nach Hause. Um 5.45 Uhr zum „Leute-Anstellen“ mußten wieder alle am Pferdestall sein. Die Arbeitseinteilung war mit dem Inspektor schon am Abend vorher besprochen worden. Um 6 Uhr zogen die Gespanne vom Hof.
Zu den Aufgaben des Hofmeisters gehörte es auch, die Arbeit der Frauen zu beaufsichtigen. Er war sehr gewissenhaft und zuverlässig. Die Anschaffung von modernen Maschinen konnte er freilich schwer verkraften. Als die ersten „Binder“*)‚ eine Erfindung der damaligen Zeit, gekauft wurden, hatte er wohl eine Woche schlechte Laune. „Die Dinger werden doch ewig kaputt sein, und die Garben sind auch nicht richtig gebunden“, nörgelte er.
Man kam aber bald ohne diese Maschinen nicht mehr aus. Sie arbeiteten viel schneller als die Frauen. Zudem wurden die Arbeitskräfte während des Krieges knapp. Die Garben mußten nach dem maschinellen Binden nur noch zum Trocknen zu Mandeln oder Puppen zusammengestellt werden. Nach dem Dreschen des Getreides mit der Dreschmaschine wurde das Stroh teils in der Scheune, teils im Freien in hohen Mieten gelagert. Wir Kinder bemerkten beim Herunterrutschen, daß die mit Schnur maschinell gebundenen Garben viel härter und fester waren. Jetzt dauerte es lange, bis sich eine richtige Rutschbahn bildete; sie war nun auch viel steiler. Aber mutig ließen wir uns nach unten gleiten. Wir trugen damals weiße Wäschestoffhosen. Abends war der Hosenboden vom Stroh schwarz. Ich wundere mich heute noch, daß uns das Vergnügen nicht verboten wurde.
Im September/Oktober war es abends im Dunkeln unterm Sternenhimmel auf einem Strohstapel besonders schön. Wir hielten Ausschau nach Sternschnuppen. Es hieß, wenn man eine Sternschnuppe sähe, dürfe man sich etwas wünschen.

Es ist Krieg!
Nach und nach bekamen immer mehr Männer ihren Gestellungsbefehl. Von unseren Arbeitern mußten einige einrücken. Dazu zählten auch der Gärtner und der Inspektor.
Bald wurde Vieh aus den Stallungen geholt, Kartoffeln und Getreide wurden beschlagnahmt. Wir durften nicht mehr buttern. Es wurde uns vorgeschrieben, wieviel Milch, Mehl, Kartoffeln und Getreide wir verbrauchen durften. Häufig kamen Kontrolleure, um unsere Vorräte zu prüfen. Ab und zu erfuhr man, daß jemand „schwarz“ geschlachtet hatte. Das war nur in kleinen Familienbetrieben möglich, bei uns auf dem Gut war die Gefahr, verraten zu werden, viel zu groß.
Für die eingezogenen Arbeiter bekamen wir französische Kriegsgefangene zum Helfen. Sie wurden in zwei Räumen des Wirtschaftsgebäudes untergebracht. Für sie mußte gekocht werden; ein Aufseher bewachte sie. Nach Feierabend saßen wir Kinder oft bei den Kriegsgefangenen, die nicht arbeitsunwillig und recht zufrieden waren. Einer stellte uns dreien je einen Ring aus leichtem Metall her. Ein schwarzes Eisernes Kreuz hatte er auf einer breiteren Stelle eingearbeitet. Irgendwie konnten wir uns mit ihnen verständigen.
Mädchen und Frauen wurden in Fabriken zum Herstellen von Kriegsmaterial eingesetzt. Als Dienstmädchen bekamen wir nur Mädels aus einer Erziehungsanstalt, die sich gut geführt hatten. Vorschrift war, daß alle Räume, in denen sie arbeiteten, mit Eisenstäben vergitterte Fenster hatten, damit sie nicht ausreißen konnten. Man durfte sie auch nicht zum Einkaufen schicken. Eigentlich hatten wir Glück mit ihnen. Nur eine nahm beim Gärtner, dessen Zimmer sie saubermachte, Geld aus dem Schrank. Sie wurde sofort vom Heim abgeholt und durch eine Neue ersetzt. Eigenartig berührte mich, daß die Mädels keine richtigen Matratzen in ihren Betten hatten. Sie erhielten je einen neuen Strohsack, den sie sich – als erste Arbeit – in der Scheune mit Stroh stopfen mußten. Sicher waren sie daran gewöhnt.
1916 wurde mein Vater zur Ausbildung in eine Kaserne nach Berlin einberufen. Sehr bald kam er zu einem Eisenbahnpionierregiment nach Rumänien. Meine Mutter und der Hofmeister hielten den Betrieb, so gut sie es vermochten, in Gang. Durch den Briefwechsel zwischen meinen Eltern bekam meine Mutter Hinweise, was auf dem Gut getan werden mußte.
Im Jahr 1917 wurden die Glocken im Hammelspringer Kirchturm zerschlagen, heruntergeholt und abtransportiert, um für Kriegsgerät eingeschmolzen zu werden. Wir waren erschüttert! Wie gern hatten Julchen und ich sie geläutet, wenn es uns der fünf Jahre ältere Pfarrerssohn erlaubte. Werktags wurde nur mit der kleinen Glocke um 6 Uhr der Feierabend eingeläutet, aber an den Wochenenden läuteten wir alle drei. Da hatte jeder eine Glocke für sich. Für uns war das ein erhebendes Gefühl. Um die Bewegung der Glocke abzubremsen, ließen wir uns zum Schluß am Glockenstrang mit hochziehen.
Nach der Schule lief ich in den Vorraum der Kirche. Auf dem Fußboden fand ich vier kleine Bronzesplitter. Ich tat sie in einen kleinen, von Granaten umrandeten Anhänger, den ich an einer Kette trug. Fortan waren sie mein Talisman.

Kriegsende und Neubeginn


Als wir eines Vormittags in Templin vom Schulgebäude aus über die Straße zur Turnhalle liefen, läuteten die Kirchenglocken. Die Turnlehrerin erklärte uns ziemlich spöttisch, daß der Kaiser abgedankt habe.
Im Lande herrschte nun ein großes Durcheinander. Lastwagen mit Soldatenräten fuhren durch die Straßen. Den von der Front heimkehrenden Soldaten wurden die Schulterstücke abgerissen. Jeder versuchte, so schnell wie möglich Zivilkleidung aufzutreiben.
Aber das Leben ging weiter. In unserem Dorf merkte man nichts von Revolution und kommunistischen Ideen. Wir waren sehr froh, daß unser Vater nach Kriegsende bald nach Hause kam. Ganz langsam ging der Neuaufbau der Landwirtschaft vor sich. Auf einem Teil der Felder wurden jetzt grüne Bohnen und Zwiebeln angebaut. Von den hungernden Berlinern wurde beides sehr begehrt. Die drei Stunden Bahnfahrt nahmen sie gern in Kauf, wenn sie wußten, daß sie etwas Eßbares ergattern konnten.




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