Ursula Löbner
Gut Hammelspring – mein Elternhaus
Das Gut Hammelspring im
uckermärkischen Kreis Templin war unser Zuhause. Nachdem Vater und Mutter
im Oktober 1906 geheiratet hatten, wurden in den folgenden vier Jahren Jula,
ich und darauf Irmgard geboren. Unsere jüngste Schwester Brigitte erblickte
als Nachzügler 1920 das Licht der Welt.
Das Gut war – einschließlich Pachtland – 800 Morgen (200 Hektar)
groß: Felder, Wiesen und Wald. Die südliche Uckermark ist Endmoränengebiet,
die Landschaft geprägt von Seen und Kiefernwäldern. Eigene Jagd und
Fischerei auf einem Kanal, der zwei Seen verbindet, und ein Segelboot waren
für meinen Vater Erholung und Freude. Der Kanal bildete die Grenze zwischen
dem Gut und der staatlichen Forst, der Schorfheide.
Unser Gutshof war recht geräumig und sehr zweckmäßig aufgeteilt.
Zur Straße hin standen das Wohnhaus, das Wirtschaftsgebäude und der
Giebel des Schafstalles. Sechs Stufen einer steinernen Treppe führten vom
Hof in den Hausflur. Gleich rechts war die Toilette – natürlich noch
ohne Wasserspülung. Mit einer Kanne Wasser wurde nachgespült. Die
nächste Tür führte in die Küche. Von dort aus gelangte man
in die Speise- und in die Vorratskammer.
Wir Kinder hatten in der Küche nichts zu suchen. Unsere Eltern wollten
wohl nicht, daß wir durch die Dienstmädchen Dorfklatsch erfuhren.
Die Dienstmädchen ihrerseits hatten es auch nicht gerne, wenn wir in der
Küche herumstanden.
Der Haushalt und
das Personal
Bei den Hauptmahlzeiten im großen Eßzimmer saßen immer der
Inspektor und das „Wirtschaftsfräulein“ mit am Tisch. Sie hatten
den sogenannten Familienanschluß. Der Inspektor, ein gelernter Landwirt,
war auf unserem Gut als Aufseher tätig. Die ausgebildete Wirtschafterin,
bei uns zuständig für das Kochen, Backen, Einwecken und die Geflügelzucht,
hieß auch bei den Dorfbewohnern nur „Fräulein“. Ihren
Namen kannten wohl nur meine Eltern. Bei Tisch durften wir Kinder nur etwas
äußern, wenn wir gefragt wurden. Das Gespräch fand meistens
zwischen meinem Vater und dem Inspektor statt; fast immer ging es um die Landwirtschaft.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal wegen einer altklug erscheinenden
Bemerkung zum Tod eines Tbc-kranken Mädchens zurechtgewiesen wurde und
mich vor dem Inspektor sehr schämte.
Im Haushalt waren außerdem das Stuben- und das Küchenmädchen
beschäftigt. Sie bekamen die gleiche Kost wie die Familie, aßen aber
in der Küche. Ihre Schnitten wurden ihnen vom „Fräulein“
bestrichen und belegt.
Das Stubenmädchen mußte alle Zimmer im Wohnhaus sauberhalten, die
Betten machen, das Waschgeschirr säubern und mit frischem Wasser füllen.
Wasserleitungen bzw. fließendes Wasser hatten wir noch nicht. In der Küche
gab es eine einfache Handpumpe mit Ausguß. In den Schlafzimmern befand
sich jeweils eine Waschkommode mit einer Marmorplatte darauf. Auf ihr standen
zwei große, hübsch geformte Keramik-Waschschüsseln, zwei Wasserkrüge,
ebenfalls aus Keramik, Karaffen für Zahnputzwasser und Wassergläser.
Zweimal in der Woche wurden die Wasserkaraffen mit Würfeln aus rohen Kartoffeln
gefüllt, damit geschüttelt und mit Wasser nachgespült, damit
das Glas klar blieb.
Ab Herbst mußte das Stubenmädchen morgens das Herrenzimmer, das Eßzimmer
und das Büro heizen. Die Schlafzimmer wurden nur bei sehr großer
Kälte nachmittags beheizt. In allen Räumen standen hohe Kachelöfen.
Sie reichten beinahe bis an die Decke. Weil der Wald durchforstet werden mußte,
heizte man hauptsächlich mit Holz. Sobald es durchgebrannt war und alles
glühte, mußten die Ofentüren fest zugeschraubt werden. Die gut
erhitzten Kacheln hielten die Temperatur im Zimmer bis zum nächsten Morgen.
Auch das Decken und Abdecken des Eßtisches und das Abtrocknen des Geschirrs
war Aufgabe des Stubenmädchens. Wenn beim Essen irgend etwas auf dem Tisch
fehlte, wurde es durch ein Klingelzeichen herbeigerufen.
Das Küchenmädchen stand schon um 5 Uhr auf und heizte den Küchenherd
an, damit um 5.30 Uhr das Kaffeewasser kochte. Um 5.40 Uhr brachte es dem Inspektor
und dem Gärtner den Kaffee auf ihre Zimmer im Wirtschaftsgebäude.
Das Tablett mit Schnitten, Kaffeemilch und Zucker machte das „Fräulein“
zurecht. Um 6 Uhr tranken beide Mädchen in der Küche Kaffee.
Dann holte sich das Küchenmädchen die Schuhe, die vor den Schlafzimmern
ordentlich aufgestellt waren, zum Putzen. Später säuberte es die Zimmer
des Inspektors und des Gärtners. Einmal in der Woche mußte es den
Hühner- und den Gänsestall ausmisten.
Für das Mittagessen wurden beinahe täglich Kartoffeln geschält.
Um 12 Uhr brachte das Küchenmädchen dem Gärtner das Essen
aufs Zimmer. Nach dem Abwasch wischte es den gefliesten Fußboden in der
Küche und im Hausflur. Am Nachmittag, wenn die Küche aufgeräumt
war, richtete sich die Arbeit der beiden Mädchen nach der Jahreszeit. Vom
späten Frühjahr bis zum Herbst wurde im Garten Gemüse und Obst
geerntet, das anschließend eingeweckt oder in Konservendosen eingemacht
wurde. Bei den Vorbereitungen dazu, also beim Spargelschälen, Möhrenputzen,
Auspalen der Erbsen, Abbeeren der Johannisbeeren, beim Entsteinen der Kirschen
und ähnlichen Arbeiten halfen alle im Haus mit.
Nach Weihnachten wurden in einem Raum im Wohnhaus Gänsefedern „geschlissen“,
die Federn von den Kielen getrennt. Dabei sangen die Mädchen die beliebtesten
Schlager jener Zeit, wie „Puppchen, du bist mein Augenstern“, „Schlaf,
Püppchen Liese“, „Auf der grünen Wiese“ oder „Max,
du hast das Schieben raus, Schieben raus ...“ Die Daunen oder Flaumfedern
waren schon beim Rupfen der Gänse ausgesondert worden. Sie wurden besonders
sorgfältig aufbewahrt, denn sie sollten später für die Oberbetten
der Töchter des Hauses verwendet werden, wenn diese heirateten.
Gegen 15 Uhr trank man Kaffee, die Familie im Eßzimmer, die Mädchen
in der Küche. Das Abendbrot gab es pünktlich wie alle anderen Mahlzeiten,
und zwar um 19 Uhr. Die Mädchen aßen abends gern warm. So bereiteten
sie sich oft selbst etwas zu. Nach dem Abwaschen, Abtrocknen und Einräumen
des Geschirrs war der Tagesablauf für sie beendet.
Die Vorräte in einem Gutshaushalt mußten unter Verschluß gehalten
werden. Allen gegenüber hatte man die Verantwortung, sie so einzuteilen,
daß sie ein Jahr lang reichten. Das „Fräulein“ verfügte
über die Schlüssel zur Speise- und zur Vorratskammer. In der Speisekammer
standen die Vorräte, die man täglich benötigte. Kühl- und
Eisschränke gab es noch nicht. Verderbliche Sachen wurden in den Keller
gebracht, wo es sehr kühl war. Dort lagerten in einem anderen Raum Kartoffeln,
Möhren, verschiedene Kohlsorten, rote Bete, Sellerie und Porree. In der
Vorratskammer befanden sich auf einem stabilen Regal die vielen Blechdosen und
Weckgläser mit Obst und Gemüse. Steintöpfe mit Pflaumenmus, Bienenhonig,
Schweineschmalz, Preiselbeeren, sauren Gurken und Sauerkraut standen auf dem
Fußboden. An der Decke war eine Aufhängevorrichtung für Dauerwurst,
Schinken und Speckseiten angebracht. Außer dem Kochen und Einwecken hatte
das „Fräulein“ die Aufzucht des Geflügels und die Legetätigkeit
der Hühner zu überwachen. Das Füttern des Geflügels erledigte
das Küchenmädchen. Beim Schweineschlachten mußten alle, die
im Haushalt tätig waren, unter der Aufsicht des Hausschlächters helfen.
Die täglich anfallende Kuhmilch brachte der „Schweizer“*) durchgeseiht
in den Kühlraum im Wirtschaftsgebäude. Die Milch, die nach Berlin
an „Bolle“**) geliefert wurde, mußte erst über den Kühler
laufen, durch dessen Röhren eiskaltes Wasser strömte. Die Milchkannen
wurden nochmals sauber ausgewaschen, dann gefüllt und zum Versand mit Frachtbrief
fertiggemacht. Der „Schweizer“ fuhr sie mit dem Pony abends um 18 Uhr
zum Zug in Richtung Berlin. Auf dem Bahnhof in Löwenberg mußten die
Kannen noch einmal umgeladen werden. Ein Teil der Milch, die nicht nach Berlin
ging, wurde zentrifugiert. Mit Hilfe der Milchschleuder trennte man dabei Rahm
und Magermilch voneinander. Dann konnte gebuttert werden: aus dem Rahm gewann
man im Butterfaß die Butter für den eigenen Haushalt, wobei als Rückstand
Buttermilch anfiel. Abends holten sich die auf dem Gut beschäftigten „Leute“
ihre Deputatmilch.
Wenn bei uns zu Hause einmal ein Arzt benötigt wurde, holte ihn der Kutscher
ab. Nachdem der Kranke behandelt war, blieb der Doktor noch zum Kaffee oder
zum Abendbrot. Mit dem Zug fuhr er dann wieder heim. Werktags kostete ein Arztbesuch
im Hause fünf Mark, sonntags acht Mark. Die Pflege der Kranken im Dorf
übernahm eine Diakonisse, die drei Dörfer zu betreuen hatte. Die Organisation
dafür lag beim Vaterländischen Frauenverein. Mein Vater brachte uns
Kindern bei, daß wir jede Krankenschwester zu grüßen hätten,
denn ihre Arbeit und Opferbereitschaft gelte den Schwachen und alten Menschen.
Das ist so in mir verankert, daß ich heute noch jede Krankenschwester
grüße.
Kriegsausbruch und
Schulbeginn
Sechs Wochen war ich von allen und allem in einem Fremdenzimmer abgesperrt.
Es war kurz vor meiner Einschulung, ich war knapp sechs Jahre alt und hatte
Scharlach. Als ich bei schönem Wetter das erste Mal aus dem Zimmer in den
Vorgarten durfte, fuhr ich meine Puppen im Puppenwagen spazieren. Anscheinend
hatten alle noch vor einer Ansteckung Angst; ich merkte, daß sie mir aus
dem Weg gingen. Während der Krankheit hatte ich das Alleinsein nicht so
stark empfunden. Plötzlich läuteten alle drei Glocken vom Kirchturm
unserer wunderschönen Dorfkirche. Das war nur Samstag abend und Sonntag
früh zum Gottesdienst üblich. Etwas Besonderes mußte passiert
sein.
Der Krieg war ausgebrochen. Mein Vater war nach Berlin gefahren, um die Proklamation
des Kaisers direkt mitzuerleben. Irgendwie berührte mich der Aufruf. Nachmittags
kamen grölende junge Leute in guten Anzügen und mit Strohhüten,
um die sie lange Bänder gewunden hatten, von der Musterung im Gasthof.
Sicher war ihnen Alkohol spendiert worden, um sie zu erheitern.
Nach überstandener Krankheit empfahl der Arzt, daß ich zunächst
die Dorfschule besuchen sollte. Der weite Schulweg nach Templin wäre bei
Wind und Wetter zu anstrengend. Das Schulhaus in Hammelspring war klein. Die
eine Hälfte des Hauses bewohnte der Lehrer mit seiner Familie, die andere
bestand aus einem großen Schulraum. Die ältesten Schüler hatten
von 6 bis 10 Uhr Unterricht, die nächsten von 8 bis 12 Uhr und die kleinsten
von 10 bis 12 Uhr. Eine lange Schulbank reichte immer für einen Jahrgang
aus. Täglich mußten wir ein Diktat schreiben, anschließend
wurden die Schüler nach ihren Fehlern neu gesetzt.
Der Lehrer, Herr Jäger, war damals etwa 40 Jahre alt. Er sah sehr gut aus
und trug auch wochentags immer Schlips und Kragen. Auf dem Lande war das selten.
Er achtete auch darauf, daß die Schüler sauber zum Unterricht kamen.
Manchmal mußten sie aus ihren Bänken heraustreten und ihre Hände
und Holzpantoffeln zeigen. Das Leder, das den Vorderfuß bedeckte, sollte
blank geputzt sein. War etwas nicht in Ordnung, wurde der Schüler verpflichtet,
es am nächsten Tag erneut vorzuführen. Herr Jäger war streng,
aber gerecht. Er behandelte alle Kinder gleich. Wenn ein Junge nicht folgen
wollte oder faul war, bekam er auch mal einen Hieb mit dem Rohrstock. Die unfolgsamen
Mädchen mußten Strafarbeiten anfertigen. Der Lehrer war im Dorf sehr
beliebt. Er war Organist und leitete den Gesangverein.
Ich bin gern in die Dorfschule gegangen, aber ich gewöhnte mich auch in
Templin in der Vorschule fürs Lyzeum schnell ein. In dieser Vorschule,
die aus der 10., 9. und 8. Klasse bestand, wurden Jungen und Mädchen gemeinsam
unterrichtet. Unsere Dorfschule war sicher sehr gut, denn ich kam nicht erst
in die 10., sondern wurde sogleich in die 9. Klasse aufgenommen. Schon in der
Vorschule mußten meine Eltern Schulgeld bezahlen. Für die Templiner
betrug es monatlich 10 Mark, für Auswärtige 12 Mark. Die Bürgerschule,
wie man die Volksschule nannte, war schulgeldfrei. Ab der 7. Klasse gingen wir
Mädchen aufs Lyzeum*), die Jungen kamen in die Sexta aufs Gymnasium. Als
erste Fremdsprache lernten wir von Beginn an Französisch, in der 4. Klasse
kam Englisch hinzu.
Zur Schule mit dem
Ponywagen
Der Bahnhof in Hammelspring war nahe am Gutshaus gelegen, der Weg quer durch
den Garten führte dorthin. Mit dem Zug fuhr man bis Templin nur zehn Minuten,
und die Fahrt kostete pro Kind ganze 10 Pfennige. Die Bahn zu benutzen
wäre also viel preisgünstiger gewesen, als für die Schulfahrten
ein Pony zu halten, aber die Züge verkehrten leider nicht zur passenden
Zeit. Also fuhren Julchen, Irmgard und ich mit dem offenen Ponywagen zur Schule
– im Sommer normalerweise allein, ohne Kutscher.
Pünktlich um 6 Uhr wurden wir Schwestern vom Hausmädchen geweckt.
Es stellte uns zum Zähneputzen warmes Wasser auf den Waschtisch, manchmal,
wenn es sehr kalt war, auch zum Waschen. Im Eßzimmer war für uns
gedeckt. Oft gossen wir uns, wenn niemand sonst anwesend war, etwas Kaffee in
die Tassen, damit es so aussah, als hätten wir gefrühstückt.
Viel Zeit dazu blieb uns häufig nicht. Um Punkt 7 Uhr mußten
wir uns auf den Schulweg machen. Der Ponywagen stand schon fahrbereit auf dem
Hof. Ein alter Mann betreute das Pony, spannte es an und mittags wieder aus.
Um diese Zeit arbeiteten alle anderen Bediensteten des Gutes schon auf den Feldern.
Mit dem Ponywagen brauchten wir für die acht Kilometer nach Templin vierzig Minuten,
wobei wir auch Steigungen zu überwinden hatten und das Pony dort nur Schritt
gehen konnte. Sobald wir das Dorf verlassen hatten, holten wir unsere Frühstücksbrote
hervor, die eigentlich für die Pausen gedacht waren. Nun, an der frischen
Luft, hatten wir Hunger. Jede von uns hatte ihre gekennzeichnete kleine Ledertasche,
die man sich mit einem längeren, schmalen Riemen um den Hals hängen
konnte.
Wir wurden nach dem Grundsatz „Pünktlichkeit ist Höflichkeit!“
erzogen. Für viele Bewohner der etwa einen Kilometer langen Bahnhofstraße
in Templin, die zu unserem Schulweg gehörte, waren wir wie eine Uhr. Wenn
sie Familie Abels Ponywagen hörten, war es Zeit, zur Schule oder ins Büro
aufzubrechen. Einem Fahrzeug begegneten wir auf dem Schulweg selten. Autos gab
es hier zunächst kaum.
Am Templiner Marktplatz angekommen, fuhren wir in den Hof eines Hotels mit „Ausspannung“
und riefen laut: „Friedrich!“ Alle Kutscher in der Gegend wurden
„Friedrich“ genannt. Ihre richtigen Namen kannten nur wenige. Auf
unseren Ruf erschien „Friedrich“, ein Bediensteter des Hotels, und
spannte unser Pony aus. Unsere Decken und sonstigen Sachen nahm er zur Aufbewahrung
mit in die Kutscherstube. Da viele Leute mit dem Kutschwagen in die Stadt kamen,
gab es bei dem Hotel viel „auszuspannen“. Alle „Friedrichs“
gingen während der Wartezeit in die Kutscherstube. Mit Kartenspielen oder
Dahindösen verbrachten sie die Zeit. Wir liefen von dort etwa zehn Minuten
zur Schule. Im Winter kutschierte uns unser „Friedrich“ im Landauer
oder im Kremser direkt bis zum Schulhaus und holte uns mittags wieder ab. Daß
er August Bohm hieß, erfuhr ich erst später.
Matrosenkleider
– die große Mode
Wir drei Schwestern waren immer gleich gekleidet. Unsere Großmutter und
eine Tante hatten Freude daran, für uns Mädchen Kleider zu nähen
und sie zu besticken. Sie waren wirklich besonders schön und fielen auf.
Wenn eine von uns in einem Geschäft in Templin einkaufte, wurde sie angesprochen:
„Du bist doch eine Kleine vom Ponywagen!“
Wer auf die Idee kam, uns weiße Matrosenkleider für sonntags und
blau-weiß gestreifte für die Schule zu schenken, weiß ich nicht.
Matrosenanzüge bzw. -kleider waren damals, als man sich für das kaiserliche
Flottenbauprogramm begeisterte, groß in Mode und das zeitgemäße
Kleidungsstück für Kinder und Jugendliche. Unsere Matrosenkleider
hatten lange Ärmel und waren für uns auf dem Land ganz ungeeignet.
Zu den weißen Kleidern trugen wir weiße, zu den blau-weißen
blaue Strohhüte. Auf das um den Hut gelegte Band war jeweils der Name eines
Seehelden gestickt. Wie uniformiert kam ich mir vor! Ich glaube, unsere Eltern
sahen ein, daß diese Kleidung nicht zu uns paßte. Im nächsten
Jahr mußten wir sie nicht mehr tragen.
Die Dorfkinder, die zu uns zum Spielen kamen, waren immer gern gesehen. Meine
Eltern wunderten sich, wie perfekt platt ich mit ihnen sprach. In der Familie
schaltete ich sofort auf Hochdeutsch um. Meine Schwestern und ich machten auch
gern bei einer Meute mit, die etwas Besonderes plante, kleine Streiche, beispielsweise
Obst von einem Baum zu klauen oder dergleichen. Weil wir Kinder vom Gutshof
uns dafür nicht zu fein waren, wurden wir auch nicht vom gemeinsamen Spiel
der Dorfkinder ausgeschlossen. Es ging uns nicht um die drei oder vier Pflaumen;
das Gewagte, das Über-die-Zäune-Klettern, war das Verführerische.
Das Dorf und die
„Leute“
Hammelspring ist ein Straßendorf auf der Strecke von Berlin nach Stettin,
es hatte zu jener Zeit etwa 600 Einwohner. Die Wohnhäuser standen
etwas entfernt von dem Verkehrsweg. Ein Dorfanger und gepflegte Vorgärten
lagen dazwischen. Es gab sechs Bauernhöfe und mehrere Büdner. Die
Bauern benötigten zwei große Pferde zum Bestellen und Abernten ihrer
Felder. Die Büdner hatten zumeist zwei kleine Panjepferdchen. In Sachsen-Anhalt
spannten Landwirte, die wie sie nur ein kleines Anwesen und wenige Felder besaßen,
eine oder zwei Kühe vor ihre Ackergeräte und Wagen. In der Uckermark
oder überhaupt im Norden hatten die Leute ihren Stolz: Sie wollten keine
„Kuhbauern“ sein. Lieber schränkten sie sich für die Haltung
der Pferdchen finanziell ein. Die Bauern hielten sich keine Magd und keinen
Knecht. Alle Arbeiten wurden von Familienmitgliedern erledigt. Vier Höfe
waren seit Generationen in denselben Familien. Zwei davon lagen seit ewigen
Zeiten in Erbfeindschaft. Da durften auch die Kinder nicht miteinander spielen.
Wir hatten auch nur zu unseren eigenen Leuten Kontakt. Aber mein Vater war den
anderen gefällig, wenn sie mal etwas Schriftliches für ein Amt aufgesetzt
haben wollten oder ein Gespann benötigten, um zum Beispiel Holz abzufahren.
Im Dorf gab es zwei Schmieden. Mein Vater verteilte das Pferdebeschlagen und
andere Schmiedearbeiten auf beide. Der Beruf des Schmieds war sehr angesehen.
Wer kein Land besaß, arbeitete als Maurer, Land- und Waldarbeiter oder
Ziegeleiarbeiter. In und um Zehdenick, etwa 10 bis 12 Kilometer von Hammelspring
entfernt, gab es zahlreiche Ziegeleien. Täglich fuhren die Männer
diese Strecke zu ihrem Arbeitsplatz und wieder zurück, also 20 bis
24 Kilometer – mit dem Fahrrad!
Die jungen Mädchen fingen an, als Dienstmädchen „in Stellung“
zu gehen, vor allem nach Berlin. Wenn sie nach Monaten mal auf Urlaub kamen,
hatten sie sich angewöhnt, statt plattdeutsch hochdeutsch zu sprechen.
Im Nu verbreitete sich das im Dorf. Sie wurden als eingebildet eingestuft: „De
jebiert sich aber!“
Es gab damals in unserem Dorf wirklich Leute, die Hammelspring noch nie verlassen
hatten – es sei denn, um in Templin den Arzt aufzusuchen. Die Fahrt nach
Berlin – 74 Kilometer – war für sie eine „Weltreise“.
Zogen sie sich sonntäglich an, so bestand das lediglich darin, eine gute,
neue Schürze umzubinden. Schuhe trug man nur zur Kirche. Holzpantoffeln
oder auf dem Feld Stiefel waren das normale Schuhwerk. Im Sommer liefen alle
„plattbarfst“ – barfuß.
Mitten im Dorf stand unser „Leutehaus“ für drei Familien. Jede
Wohnung hatte ihren eigenen Eingang, und zu jeder gehörte auf der Rückseite
ein Hof, Stall und Garten. Dahinter lag – zur Nutzung durch die Bewohner
– ein Kartoffelacker, der vom Gut gepflügt und angehäufelt wurde.
Die „Leute“ hielten sich pro Familie zwei Schweine und mehrere Kaninchen.
Ein Schwein wurde für den Eigenbedarf geschlachtet. Für den Erlös
des anderen kauften sie sich häufig Kleidung. Ihr Verdienst in barem Geld
war gering. Dafür bekamen sie als Deputat Mehl und pro Ehepaar einen Liter
Milch täglich. Für jeweils ein großes Kind, das auf dem Hof
half, gab es einen halben Liter dazu.
In dem Haus wohnten der Hofmeister und ein Pferdeknecht mit ihren Familien.
Die dritte Wohnung wurde viele Jahre für die Schnitter freigehalten, polnische
Saison- und Wanderarbeiter, die alljährlich vom Frühling bis zum Spätherbst,
bis die Kartoffel- und Rübenfelder abgeerntet waren, auf dem Gut Arbeit
fanden. Das waren immer etwa zehn Männer und Frauen. Ein „Vorschnitter“
hatte sie zu betreuen und für Ordnung zu sorgen. Oft kam auf Wunsch derselbe
Vorschnitter mehrere Jahre hintereinander. Das war sehr günstig, weil er
dann die Verhältnisse und die Leute auf dem Hof bereits kannte. Er stellte
sich seine Mannschaft in Polen selbst zusammen. Eine Schnitterin blieb während
der Arbeitszeit vormittags stets zu Hause. Sie bekochte alle und hielt die Wohnung
in Ordnung.
Wenn das Korn reif war, ging mein Vater, einem alten Brauch folgend, mit unserer
Mutter und uns drei Kindern morgens um 9 Uhr auf das Feld, das angemäht
werden sollte. Das machte der Vorschnitter mit einer Sense. Dann kam eine Schnitterin
auf uns zu mit schönen farbigen Bändern, die sie zu Schleifen gebunden
und mit Kornähren hübsch besteckt hatte. Jedem von uns heftete sie
eine Schleife an die linke Schulter. Die Bänder hingen lang herunter. Die
Schnitter nannten dieses Ritual „Anbinden“. Vater mußte uns
sodann mit einem Geldschein „freikaufen“. Fein geschmückt zogen
wir Kinder heim. In unserem Zimmer hängten wir die Schleifen an einem kleinen
Haken auf.
Die Erntekrone, die mit der letzten Getreidefuhre auf den Hof kam, überreichte
die Vorschnitterin stets mit einem Gedicht und guten Wünschen für
die Herrschaft. Der Dank dafür war ein Faß Bier. Die Krone wurde
ein Jahr lang im Büro aufgehängt.
Ein wenig entfernt von der Dorfstraße stand ein zweites „Leutehaus“,
in dem zwei Familien wohnten. Die Männer arbeiteten als Pferdeknechte.
Jeder war für drei Pferde zuständig, mit denen sie pflügten,
eggten, Getreide und Kartoffeln einfuhren. Sie hatten die Pferde zu füttern,
zu putzen und den Stall auszumisten.
Der Hofmeister
Der Hofmeister war von Beruf Stellmacher. Ein großer Raum im Wirtschaftsgebäude
stand ausschließlich ihm für seine Arbeit zur Verfügung. Er
war sehr geschickt, hielt die Gerätschaften und alle Ackerwagen in Ordnung.
Von überall, wo es etwas zu reparieren oder neu herzustellen gab, wurde
er gerufen. Der Hofmeister lebte 30 Jahre auf Gut Hammelspring und war
sehr mit uns verbunden. Wenn wir Kinder zum Beispiel in den Deckel einer Zigarrenkiste
Löcher eingebohrt haben wollten, um darin Maikäfer zu sammeln, war
er immer bereit, unsere Wünsche zu erfüllen.
Um 4 Uhr früh begann sein Tag. Er teilte den Pferdeknechten täglich
die Menge Hafer zu, die ihre Pferde bekommen sollten. Danach trat er mit einer
besonders großen, vom Getreide blankpolierten Schaufel mit Körnerfutter
für die Tauben auf den Hof. Es war eine Freude zu beobachten, wie die Tauben
ohne Scheu auf dem freien Platz vor dem Wirtschaftsgebäude emsig die Körner
aufpickten. Nach und nach flogen sie auf die Dächer der umliegenden Gebäude
oder zogen sich in den Taubenschlag zurück.
Nachdem die Pferdeknechte ihre Pferde gefüttert hatten, gingen sie und
der Hofmeister nochmal nach Hause. Um 5.45 Uhr zum „Leute-Anstellen“
mußten wieder alle am Pferdestall sein. Die Arbeitseinteilung war mit
dem Inspektor schon am Abend vorher besprochen worden. Um 6 Uhr zogen die
Gespanne vom Hof.
Zu den Aufgaben des Hofmeisters gehörte es auch, die Arbeit der Frauen
zu beaufsichtigen. Er war sehr gewissenhaft und zuverlässig. Die Anschaffung
von modernen Maschinen konnte er freilich schwer verkraften. Als die ersten
„Binder“*)‚ eine Erfindung der damaligen Zeit, gekauft wurden,
hatte er wohl eine Woche schlechte Laune. „Die Dinger werden doch ewig
kaputt sein, und die Garben sind auch nicht richtig gebunden“, nörgelte
er.
Man kam aber bald ohne diese Maschinen nicht mehr aus. Sie arbeiteten viel schneller
als die Frauen. Zudem wurden die Arbeitskräfte während des Krieges
knapp. Die Garben mußten nach dem maschinellen Binden nur noch zum Trocknen
zu Mandeln oder Puppen zusammengestellt werden. Nach dem Dreschen des Getreides
mit der Dreschmaschine wurde das Stroh teils in der Scheune, teils im Freien
in hohen Mieten gelagert. Wir Kinder bemerkten beim Herunterrutschen, daß
die mit Schnur maschinell gebundenen Garben viel härter und fester waren.
Jetzt dauerte es lange, bis sich eine richtige Rutschbahn bildete; sie war nun
auch viel steiler. Aber mutig ließen wir uns nach unten gleiten. Wir trugen
damals weiße Wäschestoffhosen. Abends war der Hosenboden vom Stroh
schwarz. Ich wundere mich heute noch, daß uns das Vergnügen nicht
verboten wurde.
Im September/Oktober war es abends im Dunkeln unterm Sternenhimmel auf einem
Strohstapel besonders schön. Wir hielten Ausschau nach Sternschnuppen.
Es hieß, wenn man eine Sternschnuppe sähe, dürfe man sich etwas
wünschen.
Es ist Krieg!
Nach und nach bekamen immer mehr Männer ihren Gestellungsbefehl. Von unseren
Arbeitern mußten einige einrücken. Dazu zählten auch der Gärtner
und der Inspektor.
Bald wurde Vieh aus den Stallungen geholt, Kartoffeln und Getreide wurden beschlagnahmt.
Wir durften nicht mehr buttern. Es wurde uns vorgeschrieben, wieviel Milch,
Mehl, Kartoffeln und Getreide wir verbrauchen durften. Häufig kamen Kontrolleure,
um unsere Vorräte zu prüfen. Ab und zu erfuhr man, daß jemand
„schwarz“ geschlachtet hatte. Das war nur in kleinen Familienbetrieben
möglich, bei uns auf dem Gut war die Gefahr, verraten zu werden, viel zu
groß.
Für die eingezogenen Arbeiter bekamen wir französische Kriegsgefangene
zum Helfen. Sie wurden in zwei Räumen des Wirtschaftsgebäudes untergebracht.
Für sie mußte gekocht werden; ein Aufseher bewachte sie. Nach Feierabend
saßen wir Kinder oft bei den Kriegsgefangenen, die nicht arbeitsunwillig
und recht zufrieden waren. Einer stellte uns dreien je einen Ring aus leichtem
Metall her. Ein schwarzes Eisernes Kreuz hatte er auf einer breiteren Stelle
eingearbeitet. Irgendwie konnten wir uns mit ihnen verständigen.
Mädchen und Frauen wurden in Fabriken zum Herstellen von Kriegsmaterial
eingesetzt. Als Dienstmädchen bekamen wir nur Mädels aus einer Erziehungsanstalt,
die sich gut geführt hatten. Vorschrift war, daß alle Räume,
in denen sie arbeiteten, mit Eisenstäben vergitterte Fenster hatten, damit
sie nicht ausreißen konnten. Man durfte sie auch nicht zum Einkaufen schicken.
Eigentlich hatten wir Glück mit ihnen. Nur eine nahm beim Gärtner,
dessen Zimmer sie saubermachte, Geld aus dem Schrank. Sie wurde sofort vom Heim
abgeholt und durch eine Neue ersetzt. Eigenartig berührte mich, daß
die Mädels keine richtigen Matratzen in ihren Betten hatten. Sie erhielten
je einen neuen Strohsack, den sie sich – als erste Arbeit – in der
Scheune mit Stroh stopfen mußten. Sicher waren sie daran gewöhnt.
1916 wurde mein Vater zur Ausbildung in eine Kaserne nach Berlin einberufen.
Sehr bald kam er zu einem Eisenbahnpionierregiment nach Rumänien. Meine
Mutter und der Hofmeister hielten den Betrieb, so gut sie es vermochten, in
Gang. Durch den Briefwechsel zwischen meinen Eltern bekam meine Mutter Hinweise,
was auf dem Gut getan werden mußte.
Im Jahr 1917 wurden die Glocken im Hammelspringer Kirchturm zerschlagen, heruntergeholt
und abtransportiert, um für Kriegsgerät eingeschmolzen zu werden.
Wir waren erschüttert! Wie gern hatten Julchen und ich sie geläutet,
wenn es uns der fünf Jahre ältere Pfarrerssohn erlaubte. Werktags
wurde nur mit der kleinen Glocke um 6 Uhr der Feierabend eingeläutet, aber
an den Wochenenden läuteten wir alle drei. Da hatte jeder eine Glocke für
sich. Für uns war das ein erhebendes Gefühl. Um die Bewegung der Glocke
abzubremsen, ließen wir uns zum Schluß am Glockenstrang mit hochziehen.
Nach der Schule lief ich in den Vorraum der Kirche. Auf dem Fußboden fand
ich vier kleine Bronzesplitter. Ich tat sie in einen kleinen, von Granaten umrandeten
Anhänger, den ich an einer Kette trug. Fortan waren sie mein Talisman.
Kriegsende und Neubeginn