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Dresden, Sachsen;
1915–1924]

Hildegard Kilger



Mutter’s „Großkampftage"

Eine Haushaltführung war in größeren Wohnungen ohne Hilfen ganz einfach unmöglich.
Das Einkaufen in den „Tante Emma-Läden“ war zwar gemütlich und nicht sehr zeitraubend, aber eine größere Auswahl an frischem Obst und Gemüse fand man in der Markthalle in der Stadt. Das Kochen an sich, das Putzen von Gemüse – man denke nur an Spinat, sein Passieren und Drehen durch den Wolf, wobei die ganze Küche bespritzt wurde, – waren wesentlich zeitaufwendiger als heute bei der Verwendung von Tiefkühlkost!
Meine Mutter nahm gern 17-18jährige Mädchen, die nach der achtjährigen Volksschule schon einmal in Stellung gewesen waren. Sie wohnten in der Mädchenkammer neben der Küche und nahmen am normalen Familienleben teil. Meine Mutter lernte sie an und meist blieben unsere Lotte oder Grete bis zu ihrer Verheiratung bei uns. Als ich, ein Einzelkind, noch klein war, spielten sie nachmittags oft mit mir.

Das jährliche „Großreinemachen“ im Frühjahr stellte den Haushalt auf den Kopf. Das Parkett mußte einmal im Jahr gescheuert und gespänt werden, was heißt: mit einem Kissen unter den Knien das Holz in Faserrichtung, Strich um Strich, mit Stahlwolle abreiben, gut abkehren, mit Bohnerwachs einreiben und nach einiger Zeit mit einem schweren Blocker glänzend polieren. Man kannte noch kein versiegeltes Holz. Auch das Fensterputzen war ein ziemlich zeitaufwendiges Unterfangen. Die Wohnungen hatten fast überall Doppelfenster, die ziemlich hoch waren, entsprechend der damals üblichen Zimmerhöhe von immerhin 3,50 bis 4,20 m. Sie hatten auch Oberlichte. Die Stores mußten nach dem Waschen gespannt werden, die Rahmen dazu wurden irgendwoher geliehen.
Gewaschen wurde im Waschhaus, das sich im Keller befand, aber nur von außen über eine Treppe begehbar war. Im Winter war das recht unangenehm, denn man mußte immer durch die Kälte. Der Waschkessel wurde mit Holz und Briketts gefeuert, die Asche sorgsam entfernt und in die „Aschegrube“ geschüttet. Das war ein im Hof ins Erdreich gegrabenes großes Viereck, in das aller Unrat hineinkam, und, wenn vollgefüllt, von einer Firma ausgeschaufelt und abgeholt wurde. Natürlich nistete sich dort gern Ungeziefer ein, und man hatte beim Hochheben des Eisendeckels immer Angst, daß eine Ratte herauslief.
Für die normale Wäsche zog man zum Trocknen im Hof oder Garten die Wäscheleine. Um die Wäsche nicht klatschnaß aufhängen zu müssen, benutzten manche Hausfrauen eine aus zwei Gummiwalzen bestehende Winde. Während man die nassen Stücke zwischen die Walzen steckte, mußte man mit der Hand die Kurbel drehen. Auf diese Weise wurde ein großer Teil des Wassers herausgepreßt.

Die getrocknete Wäsche wurde dann auf dem Küchentisch zusammengelegt, und die Hausfrau und das Dienstmädchen begaben sich zur Mangel. Dieses Gerät hatte drei dicke Holzwalzen, um die man die einzelnen Wäschestücke mittels Mangeltuch, meist naturfarbenes Leinen, schön glatt aufrollte. Die Walzen ließ man dann mit einer ebenfalls handgedrehten Kurbel durch die schweren Blöcke laufen. So eine Wäschemangel war immerhin im Ganzen sechs Meter lang. Eine Glättung brauchte mindestens fünf bis sechs Durchläufe!

Große Wäsche war je nach Familiengröße jeweils alle sechs bis acht Wochen. Die Gardinenwäsche und die Pflege der Vitragen (undurchsichtige Vorhänge als Sonnenschutz) wurde allerdings auf einmal jährlich beschränkt, und zwar meistens vor Ostern. An diesen „Großkampftagen“, wie mein Vater sie nannte, war es immer besser, der Hausfrau aus dem Weg zu gehen und den dabei stets fälligen Eintopf als besonders gelungen zu bezeichnen!
Ein ganzer Tag wurde noch für das Plätten der „Feinwäsche“ angesetzt. Dazu gehörten vor allem die Leibchen für mich und die aus zig Nähten zusammengesetzten Untertaillen auf Figur für die Mama, Unterröcke, mit Spitzen besetzte Nachthemden, Taschentücher und hauptsächlich Leinenunterröcke. Das alles waren Wäschestücke, die nach dem Waschen etwas Appretur erhielten. Dazu wurde praktischerweise das Kartoffelmehl verwendet, das bei der Zubereitung von Kartoffelklößen ohnehin anfiel. Zum Bügeln gab es zwei Möglichkeiten: Im Winter hatte man den Küchenherd, in dessen Glut zwei Stahlbolzen gelegt wurden. Sobald einer davon rot glühte, wurde er mittels eines Feuerhakens in die eiserne Plätte bugsiert. Das war ein oval geformtes, hohles Eisen mit einem Holzgriff und einem kippbaren Schieber, der durch Drehen sofort die Öffnung verschloß. Merkte man, daß das Bügeleisen nicht mehr einwandfrei glättete, wechselte man den Stahlbolzen aus.

Im Sommer nutzte man ein anderes Bügeleisen. Es war ebenfalls oval und hatte an der Spitze zwei Luftlöcher. Hinten war es aber offen, um es hochkant auf die Gasflamme eines speziellen Brenners setzen zu können, der nur eine hohe Flamme erzeugte. Man probierte den Wärmegrad mit angefeuchtetem Finger auf der unteren Seite des Bügeleisens aus: Wenn es zischte, war es heiß genug. Bei beiden Methoden war es jedoch ratsam, auf einem Stück Stoff zu probieren, ob das Eisen auch nicht sengte. Größere Haushalte hatten für diese anstrengende Arbeit eine Bügelfrau, die dann freilich auch die Herrenoberhemden sowie die steif gestärkten Chemisetts und Manschetten bügelte. Meine Mutter atmete auf, als ein elektrischer Staubsauger und später das elektrische Bügeleisen auf den Markt kamen.


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