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Stefan Preck:
Kernspaltungen.
Satiren, Grotesken und bitterböse Wahrheiten.



Was meint die Hamburger Autorin
Susanne Henke:
"... herrlich trockener norddeutscher Humor mit the British Einschlag."




Und wir, und Sie?



Hier gibt es eine Leseprobe:


Watt soll dat?

Der Technologiestandort Deutschland ist auf ständige Forschung angewiesen. Aber Berichte über manche Projekte musst du direkt zweimal lesen, bevor du die Hintergründe verstehst.

Kennst du beim Wattwandern diese kleinen geringelten grauen Häufchen, die wie Würmer auf dem geriffelten Meeresboden liegen? Die unwissenden Touristen ekeln sich manchmal davor. Die einen denken, es seien tote Würmer, die anderen fürchten sich davor, barfuß in maritime Kacke zu treten. Womit sie ja nicht ganz unrecht haben. Allerdings gibt es daran nun wirklich gar nichts zu ekeln. Diese Wurmhäufchen sind reiner Sand im wahrsten Sinne des Wortes! Feuchter Sand, der gewissermaßen durch eine Nudelmaschine gedrückt wurde. Mehr noch: er ist lupenrein gefiltert. Diese schnittigen Würmer sind nämlich innen hohl und quasi eine mobile Waschanlage. Vorn kommt der schlickige algige Sand rein und hinten kommt er steril wieder raus. Die Algen bleiben im Wurm. So ganz umsonst macht er’s schließlich auch nicht.

Im Wattenmeer bei Sylt wird seit einiger Zeit Wattwurmforschung als Langzeitstudie betrieben. Im Auftrag der Forschungsstation Wattenmeer werden dort 2.400 Quadratmeter Wattboden wurmfrei gehalten. Die wollen beobachten, wie sich das Wattenmeer ohne seinen dominanten Bewohner, den gemeinen Wattwurm (arenicola marina) entwickeln würde. Ein fürwahr anspruchsvolles Projekt.

Nun krieg mal diese Biester so alle zusammen. Du kannst sie ja schlecht mit Plaketten an den Ohren versehen oder beschriften und katalogisieren. Aber eine wattwurmfreie Zone zu Forschungszwecken erfordert natürlich konsequente Entfernung der Tierchen, bei der keiner übrig bleiben darf. Maschinell kommt so etwas in dem sensiblen Ökosystem natürlich nicht in Frage. Also müssen die bis zu 20 cm langen Würmer schonend manuell aus 30 cm Tiefe ausgegraben werden. Klar, dass da schon mal einer bei über die Spatenklinge springt.

Die Überlebenden werden umgesiedelt. Bei 40 Stück pro Quadratmeter Wattboden kommen im Idealfall insgesamt 96.000 Exemplare zusammen. Da lohnt es sich schon, wurmologisch geschultes Fachpersonal einzustellen, um eine artgerechte Auswilderung des Wurmes zu ermöglichen. Um eine Neubesiedlung zu verhindern, werden in 8 cm Bodentiefe flächendeckend Gitternetze verlegt, durch die sich die Würmer nicht durchzwängen können. Nach DER Behandlung würd ich mich auch nicht wundern, wenn die empfindliche Umwelt anschließend im Eimer ist.


Kann man Wattwürmern eine Plakette ins Ohr clippen?



Kernspaltungen


Fortsetzung:


Da frag ich mich als Laie doch, watt soll das? Wenn ich das Wattenmeer umgrabe, seinen Hauptbodenbewohner entferne und dafür Netze spanne, geht das Ökosystem kaputt. Genauso kann ich testweise allen Frührentnern das linke Bein amputieren, um zu sehen, ob sie damit noch einen 100-Meter-Lauf gewinnen. Was also erhoffen sich die Wurmologen von dieser steuerfinanzierten Studie? Einen erhöhten Absatz von Kunststoffnetzen?


Nun stell dir mal vor, die würden wirklich feststellen, dass sich das Wattenmeer ohne den Wurm viel besser entwickelt! Würden die dann das ganze Wattenmeer umgraben? Jedenfalls wäre damit die Arbeitslosigkeit für ein paar Jahre vom Tisch. Nicht aber die Würmer. Bei einem Großreinemachen kämen über Jahre Schiffsladungen voll Würmer zur Aussiedlung. Wohin damit? Als Delikatesse gelten sie ja nicht gerade. Wo soll da auch der Geschmack herkommen, wenn sie sich nur durch den Sand fressen und unter Tage leben? Wahrscheinlich kannst du da nicht mal mit Gewürzen was machen.

Einfach so in der Nordsee verklappen brächte ja auch nichts, dann kämen sie womöglich wieder zurück. Drastischere Methoden scheiden wegen des Naturschutzes aus. Also müsstest du sie komplett und artgerecht in andere Regionen exportieren. Oder umschulen. In Wüstenwürmer zum Beispiel. Die afrikanische Nordküste oder die arabischen Strände bieten sich wohl an. Da hätte der deutsche Wattwurm wieder ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten in Meer- und Wüstensand.

Aber ehrlich gesagt - die Sandkringel beim Wattwandern würden mir doch fehlen.


© Stefan Preck
Auszug aus „Kernspaltungen“ – Satiren, Grotesken und bitterböse Wahrheiten, 2005, BoD
www.preck-online.de