Der Technologiestandort Deutschland ist auf ständige Forschung angewiesen. Aber Berichte über manche Projekte musst du direkt zweimal lesen, bevor du die Hintergründe verstehst.
Kennst du beim Wattwandern diese kleinen geringelten grauen Häufchen, die wie Würmer auf dem geriffelten Meeresboden liegen? Die unwissenden Touristen ekeln sich manchmal davor. Die einen denken, es seien tote Würmer, die anderen fürchten sich davor, barfuß in maritime Kacke zu treten. Womit sie ja nicht ganz unrecht haben. Allerdings gibt es daran nun wirklich gar nichts zu ekeln. Diese Wurmhäufchen sind reiner Sand im wahrsten Sinne des Wortes! Feuchter Sand, der gewissermaßen durch eine Nudelmaschine gedrückt wurde. Mehr noch: er ist lupenrein gefiltert. Diese schnittigen Würmer sind nämlich innen hohl und quasi eine mobile Waschanlage. Vorn kommt der schlickige algige Sand rein und hinten kommt er steril wieder raus. Die Algen bleiben im Wurm. So ganz umsonst macht er’s schließlich auch nicht.
Im Wattenmeer bei Sylt wird seit einiger Zeit Wattwurmforschung als Langzeitstudie betrieben. Im Auftrag der Forschungsstation Wattenmeer werden dort 2.400 Quadratmeter Wattboden wurmfrei gehalten. Die wollen beobachten, wie sich das Wattenmeer ohne seinen dominanten Bewohner, den gemeinen Wattwurm (arenicola marina) entwickeln würde. Ein fürwahr anspruchsvolles Projekt.
Nun krieg mal diese Biester so alle zusammen. Du kannst sie ja schlecht mit Plaketten an den Ohren versehen oder beschriften und katalogisieren. Aber eine wattwurmfreie Zone zu Forschungszwecken erfordert natürlich konsequente Entfernung der Tierchen, bei der keiner übrig bleiben darf. Maschinell kommt so etwas in dem sensiblen Ökosystem natürlich nicht in Frage. Also müssen die bis zu 20 cm langen Würmer schonend manuell aus 30 cm Tiefe ausgegraben werden. Klar, dass da schon mal einer bei über die Spatenklinge springt.
Die Überlebenden werden umgesiedelt. Bei 40 Stück
pro Quadratmeter Wattboden kommen im Idealfall insgesamt 96.000 Exemplare
zusammen. Da lohnt es sich schon, wurmologisch geschultes Fachpersonal einzustellen,
um eine artgerechte Auswilderung des Wurmes zu ermöglichen. Um eine Neubesiedlung
zu verhindern, werden in 8 cm Bodentiefe flächendeckend Gitternetze verlegt,
durch die sich die Würmer nicht durchzwängen können. Nach DER
Behandlung würd ich mich auch nicht wundern, wenn die empfindliche Umwelt
anschließend im Eimer ist.
Da frag ich mich als Laie doch, watt soll das? Wenn ich das Wattenmeer umgrabe, seinen Hauptbodenbewohner entferne und dafür Netze spanne, geht das Ökosystem kaputt. Genauso kann ich testweise allen Frührentnern das linke Bein amputieren, um zu sehen, ob sie damit noch einen 100-Meter-Lauf gewinnen. Was also erhoffen sich die Wurmologen von dieser steuerfinanzierten Studie? Einen erhöhten Absatz von Kunststoffnetzen?
Einfach so in der Nordsee verklappen brächte ja auch nichts, dann kämen sie womöglich wieder zurück. Drastischere Methoden scheiden wegen des Naturschutzes aus. Also müsstest du sie komplett und artgerecht in andere Regionen exportieren. Oder umschulen. In Wüstenwürmer zum Beispiel. Die afrikanische Nordküste oder die arabischen Strände bieten sich wohl an. Da hätte der deutsche Wattwurm wieder ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten in Meer- und Wüstensand.
Aber ehrlich gesagt - die Sandkringel beim Wattwandern würden mir doch fehlen.
© Stefan Preck
Auszug aus „Kernspaltungen“ – Satiren, Grotesken und bitterböse
Wahrheiten, 2005, BoD
www.preck-online.de
